14. Oktober 2018

Alles hat ein Ende!

Passage: 1. Korinther 7,29–31

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

 

letzten Sonntag feierten wir hier Erntedank. Es ist dies das Fest des Danks für alles, was uns im abgelaufenen Jahr geschenkt wurde. Wenn man so will, ist es das Fest der Lebensfülle. Manche sagen auch der Leibesfülle und haben nicht unrecht damit.

Feiern an sich ist gut und schön. Aber wie heißt es so schön? Die Dosis macht das Gift und so ist zuviel feiern eben auch nicht gut, weil man im besten Fall einen unguten Kopf davon bekommt. Stand also letzte Woche das Feiern und die Freude im Zentrum, so kommt heute der dicke Hammer, das Pendel schwingt zurück, wir werden auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wie? Nun, hören wir uns dazu den heutigen Predigttext aus dem 1Kor (7,29–31) an:

29 Eins ist sicher, Geschwister: Es geht immer schneller dem Ende zu.

Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt, beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt;

30 beim Traurigen darf es nicht die Traurigkeit sein und

beim Fröhlichen nicht die Freude.

Wer etwas kauft, soll damit so umgehen, als würde es ihm nicht gehören,

31 und wer von den Dingen dieser Welt Gebrauch macht,

darf sich nicht von ihnen gefangen nehmen lassen.

Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist dem Untergang geweiht.

Herr Dein Wort, so schwer es uns oft zu Beginn verständlich ist, lass unsere Herzen erreichen und unser Handeln bestimmen, denn wir wissen, du willst immer nur das Beste für uns. Amen.

 

Moment mal: das Beste für uns und dann werden wir so richtig heruntergeholt. Das, was der Apostel Paulus hier an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat, das ist doch lebensfeindlich bis ins Letzte. Darf man denn keine Lebensfreude mehr haben? Nur mehr Verbote? Und erst der Schluss … dann ist eh alles umsonst, ist sinnlos, oder? Was soll das also alles, was wir so machen?

 

Und überhaupt! Muss das denn sein? Muss man extra in die Kirche kommen, um noch ein Untergangsszenario zu hören? Das brauchen wir doch nicht, die produzieren wir schließlich selbst am laufenden Band. Zu lesen, hören und sehen in den Nachrichten. Darunter sind so harmlose wie die Krise des Lieblingsvereins, weil er mal vier oder fünf Spiele hintereinander nicht gewonnen hat. Oder die Untergangsstimmung bei der einen oder anderen politischen Partei, die nicht mehr weiß, wie sie ihre Wähler erreichen soll und zusehen muss, wie jene zur politischen Konkurrenz abwandern. Und dann gibt es noch die wirklich lebensbedrohenden Szenarien, wie den Klimawandel, wo erst jetzt eine deutsche Studie damit aufwartet, dass alleine 3,2 Mio. Menschen an der Ostsee von den Folgen des Anstiegs des Meeresspiegels betroffen wären.

Nicht zu vergessen die kleinen und großen Untergänge in unserem persönlichen Leben: Arbeitsplatzverlust, Krankheit, Tod …

Und selbst in unserer Kirche sind wir davor nicht gefeit, bekommen wir doch schon seit Jahren zu hören, wie wenig wir gegen den gesellschaftlichen Bedeutungsverlust ausrichten können.

 

Also, wir haben ständig und vor allem genug Untergangsszenarien vor Augen, diese von Paulus bräuchten wir jetzt eigentlich nicht … eigentlich, ja eigentlich …

 

Schauen wir doch mal genau hin. Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth, und gemeint sind damit nicht nur die Menschen damals vor 2000 Jahren, sondern das sind auch wir. Hier und heute in Voitsberg, in der Steiermark, in Österreich, in Europa, ja alle Menschen auf der Welt sind damit gemeint.

Mit dem, was Paulus uns hier schreibt bzw. sagen will, will er mich und sie aber nicht demotivieren, er will kein Spielverderber sein. „Das sei fern“ um seine Sprache zu verwenden. Im Gegenteil: Er will etwas sehr Wertvolles: Er will ihnen und mir, er will allen Menschen eine neue Perspektive schenken, eine neue Lebenseinstellung vermitteln.

Und das tut er, indem er zunächst einmal eine bittere Wahrheit ausspricht, die wir nur zu selten verdrängen:

Alles, woran wir im Leben hängen,

was wir uns erarbeiten,

woran wir uns binden,

dies alles ist ausnahmslosder Vergänglichkeit unterworfen.

Ja, es ist schon was dran am Volksmund, wenn er sagt, dass das letzte Hemd keine Tasche hat. Es sagt sich so leicht, doch daran denken wir viel zu selten. Und darum kommt es nicht zu selten vor, dass wir dem einen zu viel, dem anderen zu wenig Bedeutung beimessen. Der Hauptpunkt, gleichsam die Pointe, auf die Paulus hinaus will ist die: Wir sollen uns nicht abhängig machen. Nichts, aber auch gar nichts, soll unser Leben so in Anspruch nehmen, dass es uns gefangen hält und wir uns davon abhängig machen. Denn damit würden wir das wichtigste verlieren: die Freiheit, die uns Gott geschenkt hat.

Jaja, man kennt das. Kapitalismuskritik, Geld ist schlecht und so. Das Übliche halt. Doch urteilen sie nicht voreilig, denn Paulus geht hier viel weiter. Er geht ins Grundsätzliche. Denn was überraschend klingt: er warnt auch vor der Partnerschaft, wenn er sagt: „Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt, beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt …“. Mann und Frau sind zwar ein Fleisch aber halt doch auch noch jeweils ein Mann und eine Frau, also jeweils eigenständige Kinder Gottes.

 

Irgendwie tröstlich ist aber, dass diese Vergänglichkeit, dass man also nicht zu sehr an einem hängen soll und das nichts ewig an einem hängt, dass dies nicht nur für die schönen und guten Sachen, sondern auch für die weniger guten gilt: „beim Traurigen darf es nicht die Traurigkeit sein und beim Fröhlichen nicht die Freude.“

 

Es ist ein großes Missverständnis, wenn man Paulus unterstellt, dass er meint, wir sollten uns all dessen enthalten, was Spaß macht. Gar, dass er uns jede Lust am Leben absprechen will. Nein, Paulus hat etwas anders vor und das war damals so gültig und wichtig, wie es auch heute noch ist.

Er will uns davor bewahren, uns zu sehr in Ketten legen zu lassen. Also:

Eine Ehe soll den Partnern mehr Freiheit bieten, einfach deshalb, weil nun ein ganzes Bündel an mehr Möglichkeiten hinzugekommen ist.

Der Freude, wenn es mir im Leben gut geht oder mir etwas gelungen ist, soll ich mich ebensowenig komplett hingeben wie der Trauer und Resignation, wenn mir der Alltag Probleme bereitet.

Und die Dinge des Alltags, seinen es TV, Computer oder Handy soll uns dienen, und nicht wir ihnen dienen, wir sollen nicht unseren Alltag von ihnen beeinflussen lassen.

 

Beiden Extremen fehlt es wie immer an Beständigkeit. Das heißt natürlich nicht,

das Leben nicht genießen zu dürfen …

das heißt nicht,

das Leiden nicht ernst zu nehmen.

Ganz und entschieden im Gegenteil. Es bedeutet vielmehr, die Endgültigkeit unserer Lebenserfahrungen – und zwar die guten wie die schlechten – im Kopf zu haben. Gerade für die schweren Zeiten, die wir durchleben, eröffnen sich damit neue Horizonte. Ich muss also nicht schicksalsergeben verzweifeln, sondern selbst in den aussichtslos scheinenden Momenten darf ich noch Hoffnung haben. Hoffnung, dass sich etwas ändert – selbst im Tod!

 

Paulus skizziert und empfiehlt hier also kein Untergangsszenario, sondern ganz im Gegenteil, er bietet uns eine (Wieder-)Auferstehungsperspektive! Davon sollten wir uns leiten lassen, denn das hat einen großen Vorteil, der unser Leben erleichtern kann: es gibt damit keine Ausweglosigkeit!

 

Das Großartige daran ist, dass das folgendes bedeutet: Ganz gleich, vor welchen Herausforderungen uns das Leben stellt, ganz egal, welche Bindungen wir eingehen wollen oder müssen, sie sollen und können uns nicht gegen unseren Willen gefangen nehmen.

Wer dem Tod die Endgültigkeit genommen hat, dem darf ich alles in dieser Welt zutrauen, auch wenn ich das Gefühl habe, mit meinen Möglichkeiten am Ende zu sein. Denn es gibt sie, die kleinen und großen Wunder, die den Alltag durchbrechen.

Warum soll es uns also nicht gelingen, den Klimawandel zumindest abzumildern oder die Folgen in den Griff zu kriegen?

Warum soll sich nicht auch in meinem Leben alles zum Guten wenden …?

Warum soll mein Lieblingsverein nicht wieder gewinnen können …?

Die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist dem Untergang geweiht?

Ganz sicher, denn alles hat ein Ende, aber: Gott macht eine neue …! Und auf die können wir setzen!

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