Das (politische) Kreuz mit dem Kreuz
7. April 2019

Das (politische) Kreuz mit dem Kreuz

Serie:
Passage: Johannes 18,28-19,5

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

 

 

jetzt sind es keine 2 Wochen mehr bis Karfreitag. Dieser Tag steht wie kein anderer für das Christentum, immerhin ist an diesem Tag unser Herr hingerichtet worden und am Kreuz gestorben. Dieses Kreuz wurde zum Symbol für das Christentum und offenbart die komplette Absurdität unserer Religion: Da kommt einer, der Sohn Gottes, und lebt nicht in Saus und Braus – wie es die anderen Götter seiner Zeit taten – sondern wie ein normaler Mensch. Zu allem Überdruss stirbt er auf die bestialischste Weise, die man sich vorstellen kann. Und dann wählen die Christen als Zeichen ihrer Religion, man würde heute sagen, als Logo, das Folter- und Tötungsinstrument ihres Herrn. … Wie seltsam, ja wie verrückt ist das denn?

 

 

Das ist nur konsequent!

Nun, ich meine, es ist im Gegenteil absolut konsequent. Es drückt das Wesen des Christentums aus und ist auch eine Art „Arbeitsauftrag“ für uns Christen. Das Christentum ist eine dienende Religion und – das wirkt mit Blick auf die Geschichte „ein wenig “ überzogen – eine friedliebende Religion. Es ist eine Religion, die von Anfang an nach Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit suchte und strebte. Ganz plakativ wird das in Vers 37 unseres heutigen Textes (Joh 18,28-19,5), der der Predigt zugrunde liegt:
28 Die, die Jesus verhört hatten, brachten ihn nun vom Haus des Kajafas zum Präto-rium, dem Amtssitz des römischen Gouverneurs; es war jetzt früh am Morgen. Sie selbst betraten das Gebäude nicht, um die Reinheitsvorschriften nicht zu verletzen; sie hätten sonst nicht am Passafest teilnehmen können. 
29 Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus. »Was für eine Anklage erhebt ihr gegen die-sen Mann?«, fragte er. 
30 Sie erwiderten: »Wenn er kein Verbrecher wäre, hätten wir ihn nicht zu dir ge-bracht.« 
31 Da sagte Pilatus: »Nehmt doch ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz!« 
Die Juden entgegneten: »Wir haben nicht das Recht, jemand hinzurichten.« 
32 So sollte sich das Wort erfüllen, mit dem Jesus angedeutet hatte, auf welche Wei-se er sterben werde. 
33 Pilatus ging ins Prätorium zurück und ließ Jesus vorführen. »Bist du der König der Juden?«, fragte er ihn. 
34 Jesus erwiderte: »Bist du selbst auf diesen Gedanken gekommen, oder haben an-dere dir das über mich gesagt?« – 
35 »Bin ich etwa ein Jude?«, gab Pilatus zurück. »Dein eigenes Volk und die führen-den Priester haben dich mir übergeben. Was hast du getan?« 
36 Jesus antwortete: »Das Reich, dessen König ich bin, ist nicht von dieser Welt. Wä-re mein Reich von dieser Welt, dann hätten meine Diener für mich gekämpft, damit ich nicht den Juden in die Hände falle. Nun ist aber mein Reich nicht von dieser Erde.« 
37 Da sagte Pilatus zu ihm: »Dann bist du also tatsächlich ein König?« 
Jesus erwiderte: »Du hast Recht – ich bin ein König. Ich bin in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeuge zu sein; dazu bin ich geboren. Jeder, der auf der Seite der Wahrheit steht, hört auf meine Stimme.« – 
38 »Wahrheit?«, sagte Pilatus zu ihm. »Was ist Wahrheit?« Damit brach Pilatus das Verhör ab und ging wieder zu den Juden hinaus. »Ich kann keine Schuld an ihm fin-den«, erklärte er. 39 »Nun habt ihr ja nach eurem Brauch Anspruch darauf, dass ich euch am Passafest einen Gefangenen freigebe. Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freigebe?« – 
40 »Nein, den nicht!«, schrien sie zurück. »Wir wollen Barabbas!« 
Dieser Barabbas war ein Verbrecher. 
19,1 Daraufhin ließ Pilatus Jesus abführen und auspeitschen. 2 Nachdem die Soldaten ihn ausgepeitscht hatten, flochten sie aus Dornenzweigen eine Krone, setzten sie Jesus auf den Kopf und hängten ihm einen purpurfarbenen Mantel um. 3 Dann stell-ten sie sich vor ihn hin, riefen: »Es lebe der König der Juden!« und schlugen ihm da-bei ins Gesicht. 4 Anschließend wandte sich Pilatus ein weiteres Mal an die Menge. Er ging hinaus und sagte: »Ich bringe ihn jetzt zu euch heraus. Ihr sollt wissen, dass ich keine Schuld an ihm finden kann.« 
5 Jesus trat heraus. Auf dem Kopf trug er die Dornenkrone, und er hatte den Pur-purmantel um. Pilatus sagte zu der Menge: »Hier ist er jetzt, der Mensch! «.

Herr, lass Dein Wort unser Herz berühren und unser Handeln leiten. Amen.

 

Verhetzung

Wir hörten eben den Bericht einer politischen Verhandlung. Ich möchte an dieser Stelle herausstreichen, dass es nicht die Juden waren, die hier den Tod Jesu‘ forderten, sondern einige Vertreter der jüdischen Obrigkeit, die Teile des Volkes aufhetzten. Am Ende dieser Verhandlung, dieser Farce, steht der Tod des Königs der Juden. Der nichts anderes als Liebe und Wahrheit wollte. Man könnte auch sagen: Am Ende stehen der Tod von Liebe und Wahrheit. Doch die Rechnung wurde ohne den Wirt gemacht.

 

Wahrheit?

Jesus selbst bestätigte im Verhör des Pilatus, dass er ein König sei, allerdings ein König eines Reiches, das nicht von dieser Welt war. Ein König, dessen politischer Auftrag es war, die Wahrheit in die Welt zu tragen, wie er in Vers 37 bekennt. In der Tradition der philosophisch geprägten Antike antwortet Pilatus, wie es auch heute noch oft der Fall ist: „Was ist schon Wahrheit“. Etwas, das gerade in der Politik oft nur mit dem Mikroskop zu suchen und nicht immer zu finden ist.

 

Politische Figur

Jesus war ein König. Könige sind politische Figuren. Hat man das im Hinterkopf, tut sich eine vollkommen neue Dimension auf: Das Kreuz wird damit zu mehr als einem religiösen Symbol. Es ist auch ein politisches. Ikonographisch wird das auch durch die beiden Balken ausgedrückt.
  • Da ist einmal der vertikale Balken, also der, der nach oben, zu Gott weist. Er symbolisiert die religiöse Bedeutung des Kreuzes, unser Verhältnis zu Gott, das z.B. auch in den ersten drei Geboten zum Ausdruck kommt.
  • Und dann gibt es noch den horizontalen Balken, der auf unser Verhältnis hier auf und in dieser Welt hindeutet. Den Umgang den wir miteinander haben und pflegen. Wenn man so will, die Gebote 4 bis 10. Genau dieser vertikale Balken symbolisiert die politische Dimension, auch und gerade im Handeln des unscheinbaren Zimmermanns aus der galiläischen Provinz. 

Politische Dimension

Diese politische Dimension ist in diesen Tagen aktueller denn je. Staat und Religion waren zur Zeit Jesu und selbst bis noch nicht vor allzu langer Zeit auch bei uns, untrennbar miteinander verbunden. Die Trennung, die für uns heute – glücklicherweise – ganz normal ist, wäre für Menschen vergangener Jahrhunderte vollkommen fremd gewesen. Sie hätten einfach nichts damit anzufangen gewusst.

 

Die beiden Balken des Kreuzes

Die beiden Balken laufen aber nicht parallel oder irgendwie nebeneinander, sondern es gibt ei-nen Punkt, wo sie sich treffen, wo sie sich in die Quere kommen. An diesem Punkt stoßen die Botschaft Jesu von der konsequent unbedingten Liebe Gottes zu den Menschen und staatliche Vorschriften und Gesetze immer wieder aufeinander. Und wir als Kirche und jeder einzelne Christ haben zu entscheiden, wo sich die Grenze befindet, an der man entscheiden muss, wem man mehr gehorcht: Gott oder dem Menschen.

Dieser Kreuzungspunkt, diese Entscheidung des Einzelnen für den einen oder anderen Weg, der wird meist an den Stellen sein, wo Leben gefährdet ist und wir solidarisch für andere einzutreten haben. Wir tun das nicht aus uns selbst heraus, sondern in der Nachfolge dessen, der bis in den Tod hinein für diese lebensbejahende Liebe eingetreten ist. Dieses Einstehen ist die wah-re Nachfolge, zu der uns unser Herr aufgefordert hat!

 

"Widerliche" Ideologien

Und heute sind wir wieder gefordert, mehr denn je in unserer Generation. Gerade in der vergangenen Woche haben wir gesehen, wie verbreitet – um mit dem Kanzler zu sprechen – „widerliche“ Ideologien wieder sind. Da sagt doch glatt der Vizebürgermeister der 2.-größten Stadt dieses Landes, dass er an den Identitären nichts Anstößiges finden kann, er keinen Grund sähe, sich von ihnen zu distanzieren. Diese Gruppe, die nichts anderes als eine Apartheid – als eine strikte Rassentrennung – einführen will, die wohl nur mit Gewaltmitteln erreicht werden kann, droht salonfähig zu werden. Nelson Mandela schau runter! Denn die 2. Regierungspartei hat ganz offensichtlich und entgegen offenkundiger Bestätigungen, keinerlei Berührungsängste mit ihnen. Hinzukommt, dass diejenigen Instrumente des Staates, die uns vor solchen extremisti-schen Bedrohungen schützen sollen, der Staatsschutz und die Geheimdienste, in der Hand eines Mannes sind, der mit den Identitären offen sympathisiert. Nicht einmal Drehbuchautoren könnten die österreichische Realität des Jahres 2019 erfinden!

 

Identitäre in Voitsberg

Bereits im März 2017 wurde auch unsere Kirche Opfer eines Angriffs dieser irregeleiteten Gruppe, wie Sie auf dem Foto auf dem Sonntagsgruß sehen können. Symbolisch sehr interessant und vor allem für das, was diese Menschen antreibt, sehr demaskierend: Die Verteidiger des christlichen Abendlandes attackieren eine christliche Kirche.

Wir haben natürlich eine Anzeige bei der Polizei gemacht. Im Wissen, dass es nichts bringen wird, aber in der Hoffnung, dass es dereinst einer der Wassertropfen sein wird, der das Glas der Gerechtigkeit zum Überlaufen bringen wird. Man sieht, die Ideen und Sympathisanten dieser Gruppe sind verbreiteter als man gemeinhin meint. Und Menschen, die dies tolerieren, die sich nicht distanzieren und sie gar in die inneren Machtzirkel unserer Demokratie lassen, sind gefährlich, wie der Rat um Kaiafas vor 2.000 Jahren.

 

Stimme erheben!

Die politische Dimension des Christentums! Es ist Zeit, die Stimme zu erheben. Es geht längst nicht mehr darum, der Anfänge zu währen, es geht bereits vielmehr darum, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Wolfgang Fellner, der Herausgeber der Zeitung „Österreich“ hat diese Woche den Sprecher der Identitären auf oe24.tv interviewt und ihm – polemisch untergriffig, aber durchaus zu Recht – vorgeworfen, dass er die Menschen in diesem Land „aufhussen“ wolle (bei Minute 25:48). Das wird dieser kleinen Gruppe an sich nicht gelingen, aber durch ihre Verbindungen zum Junior-Kollationspartner ist sie einflussreicher als die Anzahl der Aktivisten aussagt.

 

Eine einfache Methode

Die Methode ist immer die gleiche: Das Volk wird aufgehetzt – wie es auch die Obrigkeit vor 2.000 Jahren in Jerusalem getan hat – dann versucht man alles auf Basis der Gesetze und mit Druck der nun „Mehrheitsmeinung“ zu regeln – sie gingen zu Pilatus, denn die Todesstrafe durften sie ja nicht verhängen – um schließlich ihre Ziele zu erreichen. Demaskierend ist ja auch, dass sie den Mann, der zeitlebens nur Gutes getan hat und dessen Rede einzig die von der Lie-be war, diesen Mann haben sie gegen einen anerkannten Gewaltverbrecher „eingetauscht“.

 

Minderheitenschutz – ein Fremdwort?

Zu allem Überdruss spielt man dann noch die Mehrheit gegen die Minderheit aus – die Jünger Jesu waren damals noch recht wenige – und projiziert alles Negative auf sie. Im Verkauf nutzt man z.B. den psychologischen Trick, vom Kunden möglichst viele „Ja“ einzuholen, bevor man die entscheidende Frage, ob er nun das Produkt kaufen oder den Vertrag unterschrieben will, zu stellen. Die Psychologie dahinter ist, dass der Kunde zu dem Zeitpunkt das Ja-sagen schon so eingeübt hat, dass er gar nicht mehr nein sagen kann. Auf Minderheiten einzuschlagen, ihnen Rechte vorzuenthalten, ihnen etwas wegzunehmen … da kommt von vielen ein „ja“, bestenfalls ein „Mir wurscht“, „Betrifft mi eh net“ oder gar „Den Spinnern geschieht es schon recht.“ Oder man beschäftigt sich eher mit zentralen Fragen wie den Aussagen eines B-Promi-Tänzers in einer Tanzshow im Fernsehen. Schließlich wird das dann schön in einen demokratischen Deckmantel „Ja, was sollen wir machen, es ist der Wählerwille, die Mehrheit hat so entschieden“ verpackt. Klar, Demokratie ist die Machtausübung der Mehrheit über die Minderheit. Aber mit der Einschränkung, dass man auf die Minderheit achtgibt, ihre Rechte schützt, sie nicht unterdrückt und gar ihrer Rechte beraubt. Beachtet man das nicht, sind das Zeichen einer Demokratie, die den Namen nicht verdient, wie es z.B. die Volksdemokratien des Ostblocks waren. Aber keine Sorge die Zeit ist schon zu weit vorgerückt. An dieser Stelle kommt nun kein Exkurs zur Karfreitagsentscheidung der Bundesregierung.

 

Martin Niemöller

Von Martin Niemöller, einem – zunächst mit den Nazis sympathisierenden – evangelischen Theologen und Pfarrer, der von 1938 bis 1945 zunächst im KZ Sachsenhausen dann in Dachau und zum Schluss in Südtirol als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers eingesperrt war, ist folgendes Zitat überliefert:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. 
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. 
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. 

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

 

Der Suppe aus Galle christliche Werte entgegenstellen

Gewalt statt Liebe. Missgunst, Neid, Hass auf andere. Das sind die Zutaten zu dieser giftigen, nach Galle schmeckenden Suppe, die uns Gruppierungen wie damals der Rat oder heute die Identitären und deren Helfer aufwarten wollen. Verpackt in schöne Worte und der Skizze einer harmonischen, idyllischen und sicheren Zukunft.
Wollen wir sie löffeln? Oder anders gefragt: Haben wir nicht schon genug davon gehabt? Wir alle wissen doch, was am Ende einer solchen Entwicklung steht. Also, stehen wir als Christen auf und halten wir dagegen. Unser „Wahlprogramm“ ist das von Liebe und Gerechtigkeit, von Demut und Ehrfurcht vor Gott und der Schöpfung. Nicht gerade modern, entspricht nicht dem Zeitgeist, aber nichtsdestotrotz zeitlos und immer gültig. Vor allem aber: Es ist der einzige Weg zu einer harmonischen, idyllischen und sicheren Zukunft.
Amen.

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