13. August 2017

Die große Herausforderung der Christen – die Liebe!

Passage: Matthäus 7,24–27, Matthäus 5,44–48

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

 

Vielleicht wissen Sie es ohnedies, aber ich verdiene mein tägliches Brot beim Kirchenbeitragsverband in Graz, wo ich den Kirchenbeitrag für drei Gemeinden bearbeite. Es ist dies ein mühsam verdientes Brot. Denn wer zahlt schon gerne Kirchenbeitrag? Und so sind die Telefonate und die E-Mails die ich führen darf, nur in den seltensten Fällen angenehme Gespräche. Meist läuft es auf Aussagen zu wie „Ich brauche für meinen Glauben kein Geld zahlen“ oder „Wozu die ganze Kirche. Ich gehe eh nicht in den Gottesdienst, es ist zu weit für mich. Wozu soll ich also zahlen?“ Ja, wozu eigentlich?

 

Da gibt es viele Argumente die dafürsprechen. Ich will sie jetzt damit nicht langweilen. Aber fest steht für mich: Wir sind ein christlich geprägtes Land. Seit gut 1.200 Jahren sind die Menschen in unserer Gegend Christen. Das hat Auswirkungen auf unsere Kultur. Denn der Sukkus von Kultur ist die Religion. Religion ist sozusagen das Fundament auf dem Kultur aufgebaut wird. Das, was wir heute in Österreich, ja in Europa an Frieden und Wohlstand genießen können, ist meiner Ansicht nach ohne das Christentum nicht denkbar.

Der Gegenbeweis ist meiner Meinung nach einfach zu führen: Man sehe sich andere Weltgegenden an, die nicht christlich geprägt sind. Wo geht es den Menschen ähnlich gut? Wo haben sie ähnliche Freiheiten? Wo haben sie ein Sozialsystem, das fast alle Menschen auffängt, wenn’s mal nicht so gut geht?

 

Man kann es also allen da draußen, die sagen, ich will mit Kirche nichts zu tun haben, die über die Kirche lästern, die sich über uns hier, die wir Gottesdienst feiern, lustig machen, nur zurufen: Ohne das Christentum gebe es keine solidarische Gesellschaft. Ohne das Christentum gebe es kein Rotes Kreuz, keinen Samariterbund, keine Diakonie oder Caritas. Ohne Christentum gebe es keinen modernen Staat, keine Freiheiten, keine Demokratie, kein Sozialsystem, das den Namen verdient.

Ja, ich weiß, man kann nun bei allen angeführten Punkten Gegenargumente anführen, aber ich will nicht darauf hinaus.

 

Sie wissen sicherlich auch, dass ich sehr viel mit Asylwerbern zu tun habe. Nicht nur mit unseren Mitbrüdern und –schwestern hier, sondern auch mit anderen. Sie kommen aus fernen Kulturen und haben bisher nur das Schlechteste über uns Europäer gehört. Das ist Teil der Politik und der Propaganda in deren Herkunftsländern. Ich höre also viele Geschichten, höre viel Leid und Elend, viele Hoffnungen die sie in ihr neues Leben projizieren, aber auch Angst und Verwunderung, ja gar Überraschung.

So ging es mir auch diese Woche, als ich mit einem jungen Mann ein Treffen hatte. Und er sagte mir, dass es für ihn am Überraschendsten war, wie sehr und wie viele Menschen ihm hier helfen. Er, der nichts hat, der nichts geben kann, der fremd ist und vor dem viele Angst haben und in den viele ihre Ängste und ihre Wut hineinprojizieren. Ihm wird geholfen. Das hat ihn am meisten fasziniert hier in Europa.

Ich sagte ihm nur: Ja, das ist normal bei uns. Man hilft Menschen, denen es schlecht geht. Man kann nicht neben stehen und nichts tun. Und er erwiderte: Ja, das ist gut und richtig so, aber bei mir zu Hause ist das leider nicht so.

 

Und das ist der Punkt. Es ist die Liebe, diese größte aller christlichen Tugenden. Manchmal aufopfernd, kräftezehrend, vielleicht sogar gefährlich. Aber sie treibt Menschen überall an.

 

Nun gut, man mag einwenden, dieses Konzept der Nächstenliebe gibt es auch in anderen Kulturen also Religionen. Schon, doch Jesus setzt noch eines drauf und sagt, dass wir nicht nur zu unseren Freunden, also den Nächsten, die uns sympathisch sind, sondern auch zu unseren Feinden lieb sein sollen.

 

DAS ist es, was das Christentum massiv von anderen unterscheidet.

DAS ist es, was den Unterschied ausmacht.

DAS ist es, was z.B. auch den tiefen Graben des Hasses zwischen Franzosen und Deutschen zugeschüttet hat und uns eine nie dagewesen Periode des Friedens und Wohlstandes in Europa beschert hat. Natürlich waren es die Grauen und Entsetzen der beiden Weltkriege, die hier Entscheidendes dazu beigetragen haben. Aber das war es nicht alleine, denn wenn dieses „Kopfargument“ Gültigkeit besäße, dann hätte es nach den Schlachten von Verdun, Ypern oder am Isononzo, also nach dem 1. WK, keines Zweiten bedurft. Nur 20 Jahre später. Dieser verheerende Krieg war nur möglich, weil die Nazis die Menschen von der Kirche entfremdet haben, ihnen eine neue Kultur geben wollten. Unter anderem, indem sie den Kirchen das Geld wegnahmen und ihnen stattdessen die „Möglichkeit“ einräumte, von ihren Mitgliedern Kirchenbeitrag zu verlangen.

Sie etablierten mit dem Nationalsozialismus eine religiös verbrämte Kultur, die die „Volksgemeinschaft“ an die Stelle der „Kirche“ setzte. Eine Kultur, wo nur der Stärkere das Recht zu leben hat und alle anderen als minderwertig und sogar vernichtungswürdig empfunden werden. Also das genaue Gegenteil von dem was christlich ist.

 

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, auch genannt die UN-Menschenrechtscharta, die am 10.12.1948 verabschiedet wurde und die als Reaktion auf die Schrecken des Krieges folgte, heißt es in Art. 1: „Alle Menschensind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Die Menschenrechtserklärung geht zurück auf die Virginia Declaration of Rights von 1776, die ihrerseits großen Einfluss auf die Unabhängigkeitserklärung der USA hatten. Hier heißt es „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschengleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind.

Und diese Erklärung wiederum geht zurück auf 1Mo 1,27: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

 

Allen drei genannten Stellen ist eines gemeinsam: Sie spricht vom MENSCHEN. Nicht von einem bestimmten Menschen. Nicht von einem Mann oder einer Frau, nicht von einem Arbeiter oder Akademiker, nicht von einem Steirer oder Kärntner, einem Österreicher oder Nigerianer, einem Weißen oder Schwarzen. Menschen. JEDER Mensch ist zum Bilde Gottes geschaffen. Jeder. Auch der, der in Verdun oder Stalingrad im anderen Schützengraben lag, auch der, der anders aussieht und vor dem ich Angst habe, weil er einen anderen kulturellen Hintergrund hat und meine Sprache nicht spricht. Wir alle sind Menschen, Abbilder Gottes.

 

Diese Erkenntnis verändert unser Denken und unser Handeln. Und das ist das Entscheidende. Denn worum es geht, sind die Taten, die wir als Christen setzen. Die Taten, die uns zum Salz der Erde machen.

Und so geht es auch in unserem heutigen Predigttext um Taten, aber nicht um Verdienste! Verstehen sie mich nicht falsch. Es geht nicht um die sogenannte Werkgerechtigkeit. Das ist ein katholisches Konzept, das uns zu recht und theologisch gut begründet fremd ist. Wir müssen, ja wir können, nichts tun, um uns Verdienste bei Gott zu erwerben. Es gibt ja auch nichts, das wir nicht schon von ihm bekommen hätten. Aber wir werden durch unseren Glauben und das Wissen, dass wir die Gnade und Vergebung Gottes haben, gute Taten setzen.

 

Wenn wir gute Taten tun wollen, was zum Wohle aller nötig ist, dann müssen wir ein gutes Fundament haben, auf dem wir unsere Werte aufbauen und nachdem wir diese Taten setzen. Und davon hören wir im heutigen Predigttext, aufgeschrieben und Mt 7,24–27:

24 »Darum gleicht jeder, der meine Worte hört und danach handelt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. 25 Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten und wenn der Sturm tobt und mit voller Wucht über das Haus hereinbricht, stürzt es nicht ein; es ist auf felsigen Grund gebaut. 26 Jeder aber, der meine Worte hört und nicht danach handelt, gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf sandigen Boden baut. 27 Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten und wenn der Sturm tobt und mit voller Wucht über das Haus hereinbricht, stürzt es ein und wird völlig zerstört.«.

Herr segne dein Wort an uns und lass es unser Herz erfüllen und unsere Taten leiten. Amen.

 

Diese Predigtstelle ist leider sehr aktuell, wenn man an die Wetterkapriolen der letzten Tage denkt. Und doch: was wie die Bauanleitung für einen Baumeister daherkommt, wäre wirklich nicht viel mehr als das, wenn diese Stelle in der Bibel nicht dort stehen würde, wo sie steht. … Nämlich am Ende der Bergpredigt. Das verleiht ihr eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist sozusagen die Zusammenfassung der ethischen Weisungen, die uns unser Herr gegeben hat. Sie sagt uns: Höre meine Worte, folge mir nach, lebe und befolge sie … und dann setze die entsprechenden Taten. Dann und nur dann, werdet ihr, also werden wir Christen, ein Haus bauen, das auf Fels steht, dass der nächste Regen nicht wegwäscht. Und dieses Haus ist das Reich Gottes, nachdem wir streben sollen.

 

Jesus sagt uns deutlich, dass wir nicht nur eine Kirche des Wortes, sondern selbstverständlich auch der Tat sind! Auch er redete nicht nur, sondern schritt zur Tat! Alles andere hat keinen Wert, besitzt keine Nachhaltigkeit, wird bei der ersten größeren Herausforderung weggespült wie ein Haus, das auf Sand gebaut wurde.

Also: Unseren Worten – auch meinen hier von der Kanzel oder unseren Gebeten – müssen auch Taten folgen. Und zwar solche, die unseren christlichen Glauben abbilden, die ihn greifbarer und damit begreifbarer machen – und damit überzeugend wirken. Und zum Vorbild werden, auch und gerade für einen jungen Mann aus einem fernen Land.

 

Was sollte unsere Taten von anderen unterscheiden? Ganz klar, die Liebe! Aber welche Liebe ist das, die uns aufgetragen ist? „Die Nächstenliebe!“, werden jetzt sicher viele denken. Sie hat Jesus schließlich – neben dem Gebot der Gottesliebe – zum höchsten Gebot erklärt. Das ist korrekt. Schließlich wurde er nach dem höchsten Gebot gefragt, nicht jedoch nach dem, welches die eigentliche Herausforderung für uns im Leben sei. Die ist in der Tat eine andere.

 

Denn, so weiß auch Jesus, den Nächsten zu lieben ist einfach. Diese Liebe unterscheidet uns nicht, selbst nicht von den bösen Menschen. Die große Herausforderung der Liebe des Christen ist das zentrale Element der Bergpredigt, die wir in Mt 5,44–48 finden. Ich lese sie hier vor, weil sie so bedeutend und herausfordernd ist und meines Erachtens das Zentrum der Bergpredigt ist, auf das alle anderen Aussagen zulaufen:

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Also: Die Herausforderung ist nicht die Nächstenliebe, sondern die Feindesliebe! Sie ist es, die die Welt wirklich und nachhaltig verändern kann. Denken sie an die Franzosen und Deutschen. Diese Veränderung wird sich in allen Bereichen unserer Gesellschaft niederschlagen. Das fängt auf dem Schulhof an und endet noch lange nicht in der Ukraine, in Syrien oder in Korea. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, wonach bis heute Politik gemacht wird und wonach sich weite Bereiche unseres Lebensvollzugs richtet, ändert gar nichts! Sie bringen nur weitere Not und Elend hervor.

 

Die Herausforderung ist, nicht direkt zurückzuschlagen, sondern erst einmal die andere Wange hinzuhalten, wenn man geschlagen wird. Und dabei wird es auch nicht reichen, siebenmal zu vergeben, sondern siebenmal siebzigmal!

 

Wenn ich an das denke, dann habe ich immer das Bild Jesu am Kreuz im Kopf. Er hat jede Menge Menschen geholfen, sie haben ihn als ihren König gefeiert, nur um ihn wenige Tage später ans Kreuz zu schlagen. Auge um Auge. Er hätte, als er da am Kreuz hing und seinem schrecklichen Tod entgegensah, allen Grund gehabt, diese Leute zu hassen und ihnen alles Elend der Welt zu wünschen. Was aber tat er: Er betete zum Vater und sagte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ …

Das, liebe Gemeinde, ist die ultimative Form von Liebe. Eine Liebe, die über die eigene Existenz hinausgeht. Die den Menschen als das nimmt, was er ist: Das Abbild Gottes, unantastbar würdig. Selbst wenn sie das schlimmste Verbrechen aller begehen: Mord.

 

Utopisch? Unmöglich? Völlig absurd? …

Warum eigentlich? Wir glauben an die Auferstehung, warum dann nicht auch an die Kraft einer Liebe, die Grenzen überschreitet? Niemand behauptet ja, dies sei einfach. Dies wäre dann ja keine Herausforderung. Der Weg zu dieser Liebe ist oft schwierig, aber man muss ihn geduldig beschreiten. Ein Schritt nach dem anderen. Wir haben dabei jeden Grund, es wenigstens zu versuchen, uns darauf einzulassen. Das sollten wir uns schon klarmachen. Wir haben schließlich einen Gott, der uns nicht auf unsere Unzulänglichkeiten festnagelt, sondern uns freispricht, wenn wir scheitern.

 

Mut zum Scheitern! „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“. Gott will unsere Taten. Das ist wichtig. Und das unterscheidet uns nach meiner Ansicht von einem fatalistischen inshallah, wie es im Islam der Fall ist: Man braucht nur warten, Gott wird es richten. Ja vielleicht. Aber was passiert derweil mit uns? Mit der Gesellschaft, unserer Umwelt, unserem Staat?

Ich kann es ihnen sagen: Beim Warten passiert nichts! Gar nichts! Der Mann oder die Frau, die in Not ist und neben mir steht, ist mir dann auch egal. Inshallah. Gott wird es schon richten.

 

Wer nur wartet, wem andere egal sind, fängt noch nicht mal mit dem Hausbau an. Wie soll er jemals in seinem Haus wohnen?

Daher: Jesus will von uns, dass wir Gutes tun. Er will, dass wir uns lieben. Er will, dass wir unseren Nächsten lieben. Und er will, dass wir den Fremden und den Feind lieben.

Wir sollten es zumindest versuchen. Oder besser: Wir, als Nachfolger Jesu sind es ihm eigentlich sogar schuldig. Diesen Versuch der Nachfolge. Denn, wo der Versuch gescheut wird, wird sich Gottes Reich nicht finden lassen.

Und so passt dann auch der aktuelle Wochenspruch gut zu dem Thema: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.“ Uns wurde die Gnade Gottes, die Vergebung der Sünden und das ewige Heil gegeben. Daher sollten auch wir geben, unseren Freunden und unseren Feinden.

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