18. Februar 2018

Predigtreihe Glaubensbekenntnis – „Ich glaube an Gott, den Vater“

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

 

im Jahr 2018 haben wir drei Predigtreihen vor, die heute ihren Anfang nehmen. Bis Ostern werden wir über das Glaubensbekenntnis predigen, anschließend wollen wir das Vater unser betrachten und im Herbst die sieben Ich-bin-Worte unseres Herrn.

Warum tun wir das? Weil es unserer Meinung nach gut und wichtig ist, sich einmal Gedanken über das zu machen, was wir immer wieder beten und sprechen. Denn: Sind wir uns dessen immer und vor allem wirklich bewusst?

Also, ich für meinen Teil nehme das Sprechen des Glaubensbekenntnisses oft zum Anlass, in Gedanken abzuschweifen. Das GB ist schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es automatisch und ohne viel Nachdenken von den Lippen geht. Doch ist das gerecht?

 

Nein, denn die Evangelische Kirche A.B. ist eine sogenannte Bekenntniskirche. Wir haben ja letztes Jahr in einer ähnlichen Predigtreihe die vier Soli durchgenommen. Eine davon lautet bekanntermaßen sola scriptura und damit ist die Heilige Schrift genannt. Allein die Heilige Schrift ist maßgebend. Doch dem ist nicht ganz so. Wie wir in der Präambel unserer Kirchenverfassung lesen können, weiß sich die Evangelische Kirche A.B. an die Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche, wie sie im Konkordienbuch zusammengefasst sind, gebunden. Dieses Konkordienbuch wurde 1580 erstellt und enthält

  • die drei altkirchlichen Bekenntnisse, also das Apostolikum, das Nicäno-Konstantinopolitanum und das Athanasianische Glaubensbekenntnis. Für Interessierte: Das Apostolikum ist das Glaubensbekenntnis, das wir immer im Gottesdienst sprechen, das Nicäno-Konstantinopolitanum findet sich im EG unter der Nummer 805, das Athanasianische Glaubensbekenntnis wird heute aber in unserer Kirche nicht mehr verwendet.
  • Das Augsburger Bekenntnis (EG 806.2), die Apologie des Augsburger Bekenntnisses und die Schmalkaldischen Artikel
  • dem Kleinen Katechismus Luthers (EG 806.1)
  • dem Großen Katechismus Luthers

Hinzu kommen in neuerer Zeit die Barmer Theologische Erklärung aus 1934 (im Kirchenkampf im Zusammenhang mit Hitler; EG 810) und die Leuenberger Konkordie (EG 811), die das Verhältnis zwischen Lutherischen und Reformierten, also Kirche A.B. und H.B. auf eine neue Ebene stellte. Diese beiden Erklärungen – wiewohl auch Bekenntnisse – werden nicht mehr als solche bezeichnet, da die Lutherischen Kirchen ihre Bekenntnisbildung eben mit dem Konkordienbuch als abgeschlossen ansehen.

Soviel zur Kirchengeschichte. Wir wollen uns aber in dieser Predigtreihe dem Apostolikum widmen.

 

Das Apostolikum ist wahrscheinlich in Gallien im 5. Jh. entstanden. Trotz seines Namens hat es nichts mit den 12 Aposteln zu tun. Wer es verfasst hat, ist nicht mehr bekannt und es wird in unserer Kirche ebenso wie in der katholischen, nicht aber in der orthodoxen verwendet. Das Apostolikum besteht eigentlich aus nur drei Sätzen und ist trinitarisch gegliedert. Der erste Satz hat Gott im Blick, im zweiten steht Jesus im Zentrum und im dritten Satz der Heilige Geist und die Menschen.

 

Das Glaubensbekenntnis fasst in kurzer und prägnanter Form zusammen, was Christentum bedeutet.

Und genau das wollen wir uns ja ansehen, nachdem wir nun einen so langen historischen Anfahrtsweg auf uns genommen haben.

 

Also, erster Teil: „Ich glaube an Gott, den Vater.“ Interessant ist, dass dieser Teil des ersten Satzes im Kleinen Katechismus Luthers nicht thematisiert wird. Und das, obwohl das eigentlich ein heikles Thema ist. Gott wird hier als Vater bezeichnet. Wohl als unser aller Vater gemeint. Demgemäß sind wir nichts geringeres als Kinder Gottes. Eine Ansicht und Einsicht, die meines Wissens in der Welt der Religionen einmalig ist.

 

Der Vater ist ein wichtiges biographisches Element. Immerhin haben wir – jedenfalls in den allermeisten Fällen – den Nachnamen von unserem Vater. Auch war in alten Zeiten die väterliche Linie immer die wichtige, vor allem wenn es um Erbschaften oder Herrschaftsansprüche ging.

Und doch ist die Vaterrolle eine zwiespältige. Es gibt den liebenden Vater und leider auch den Rabenvater und dann noch den Vater, den man nie kennenlernt. Dann gibt es noch das absolute Gegenmodell: Es gibt den Vater, der seine Kinder missbraucht. Ein solches Kind wird zeitlebens keine gute Assoziation zum Begriff Vater haben.

Gott ist also mein Vater. Welcher nun? Der Liebende? Der Rabenvater? Der, den ich nie kennenlerne oder gar der Misshandelnde?

Gott ist mein Vater. Dieser Gedanke mag daher je nach eigener Erfahrung wohlige oder schreckliche Assoziationen hervorbringen. Daher glaube ich auch, sollten wir es tunlichst unterlassen, Gott mit menschlichen Attributen zu versehen, ihn so zu beschreiben und erst recht ihn uns so vorzustellen. Als kleiner Exkurs: Das ist wohl auch mit dem 1. Gebot gemeint, wonach wir uns kein Bild von Gott machen sollten. Denn: Es ist wohl klar, dass Gott mehr ist als ein Mensch.

 

Richtigerweise sollte man das Pferd andersherum aufzäumen: Gott unser Vater ist nicht so, wie ich meinen eigenen Vater kennen gelernt habe, sondern mein leiblicher Vater sollte so sein, wie mein himmlischer Vater, wie Gott. Gott sollte also für uns das Role-model für einen Vater sein und nicht unser leiblicher Vater das Vorbild für Gott.

 

Gott ist also ein guter, ein liebender Gott. Sicher? Rhetorische Frage, oder? Jedoch: Kennen sie die Geschichte von Hiob? Und immerhin hat über die Jahrhunderte Gott vor allem als strafender Gott herhalten müssen, den es zu besänftigen galt; auch wenn das wie beim Ablass ins Geld ging.

 

Aber nein, letztlich ist es so, dass Gott ist gut. Und es ist mehr als polemisch zu sagen, ja für uns Christen stimmt das. Der Gott des NT ist gut, der des AT ist strafend. So ist es nämlich nicht. Schon im ersten Buch der Bibel lesen wir in 1Mo 8,21 von der Barmehrzigkeit und Gottes. Eben erst hat er die Erde durch die Sintflut gesäubert, als er folgendes sagt: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“ Gott sieht, dass seine Kinder manchesmal böse und schlimm sind, aber er wird sie deswegen nicht nochmal ultimativ, also mit dem Tod sanktionieren.

Gott unser Vater ist aber noch mehr als das, er ist ein liebender Vater, der gerne eine Beziehung zu seinen Kindern hat. In Mk 14,36 finden wir das bestätigt. Jesus nennt Gott Abba anruft, was eine vertraute Koseform fast so wie Papa ist.  Sagt man das vor einem Vater, vor dem man Angst hat? Und um es auf die Spitze zu treiben: in Gal 4,6 wird Gott gar als „Abba, lieber Vater“ bezeichnet.

 

Aber halt! Heute muss man ja alles gendern! Ist es denn somit zulässig, von Gott als Vater zu sprechen?

Ja, kann man einwenden, denn in der Bibel wird er immer männlich beschrieben.

In der Genderdebatte wäre das Gegenargument dann, dass es sich um Texte aus einer sehr patriarchalen Zeit handelt und man das anpassen muss. Immerhin liest man heute auch immer von Brüdern und Schwestern in der Bibel, wo ältere Ausgaben das griechische – und natürlich ebenso nur männliche – adelphoi noch mit Brüder übersetzt haben. Und in der Tat gibt es eine bemerkenswerte Bibelübersetzung – die Bibel in gerechter Sprache – die immer abwechselnd von Gott und Göttin spricht.

 

Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass das dann doch zu weit gehen würde. Oder wie es der Apostel Paulus ausdrücken würde: „Das sei ferne.“ Wir sollen ja gerade nicht menschliche Attribute an Gott anlegen. Daher: Lassen wir den guten Mann einen Mann sein; in dem Wissen, dass er eigentlich weder Mann noch Frau ist, auch kein Mensch und schon gar nicht ist er ein alter Mann mit weißem Rauschebart.

 

Daher bekenne ich voller Inbrunst: Ich glaube an Gott, den Vater und weiß innerlich, dass er so ist, wie Vater UND Mutter. Denn in der Tat, auch wenn Gott in der Bibel immer männlich angesprochen wird, sind auch typisch weibliche Bilder überliefert, wie z.B. in Ps 91,4: „Er wird dich mit seinen Fittichen decken, / und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.“ Hier wird das Bild einer Mutterhenne auf Gott projiziert. Bei Gott haben wir Ruhe, Frieden und Geborgenheit. Bei ihm können wir uns zurücklehnen und auftanken, bei allem Stress, bei aller Angst, bei aller Gefahr. Das alles schwingt mit, wenn wir von Gott dem Vater reden. Auch wenn er hier als Glucke dargestellt wird.

Die rein väterliche Seite schwingt in Mt 7,11 mit: „Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!“ Das sagt mir vor allem eines: Gott ist für mich, er sorgt für mich und gibt vollen Einsatz für mich. Ich kann mich verlassen auf ihn, auch wenn ich Fehler mache. Gott wird mir nicht in den Rücken fallen, er steht einfach zu mir und beschützt mich.

 

Was aber immer mitschwingt: Wenn Gott unser Vater ist, dann kann er kein toter Götze sein, kein Stein, kein Stück Holz und auch kein Goldenes Kalb. Wenn sich Gott mir gegenüber wie ein Vater und wie eine Mutter verhält, dann muss er leben. Dann muss er aktiv sein und direkt mit meinem Leben zu tun haben. Das bedeutet aber auch: Ich habe einen direkten Bezug zu ihm und er zu mir. Und ich muss diesen direkten Bezug auch leben, also mit ihm sprechen. Das nennt man dann beten. Und dann wird aus dem Vater, der Abba oder der Papa, eine vertraute Person, die es einfach nur gut mit mir meint, mir zwar meinen eigenen Willen lässt und mich wart, wenn ich einen Blödsinn mache. Mich aber auffängt, falls ich seine Warnung in den Wind schlage.

 

Gott ist kein toter Götze, er ist eine lebende Figur, die an meinem Leben interessiert ist. Damit ist auch klar, dass er nicht wie ein Uhrmacher ist, der das Werk einmal aufzieht um es dann sich selbst zu überlassen. Nein, Gott ist mein Vater, er kennt mich. Er kennt meinen Namen. Und denken Sie mal, wenn ein Prominenter, von dem man nicht einmal weiß, ob er einen wahrgenommen hat, einen plötzlich mit seinem Namen anspricht. Das ist ein tolles Gefühl, es vermittelt, dass man diesem Star wichtig ist. Und so ist es auch mit unserem himmlischen Vater. Er kennt uns beim Namen, wie wir auch in Jes 43,1 lesen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Gott kennt mich, er kennt mich und auch euch alle beim Namen. Er ruft uns. Er hat aktives Interesse an unserem Leben. Er will teilhaben, mitgestalten, mitleben. Eben weil er unser Vater ist!

 

Wer Kinder hat, wird es nachvollziehen können: Die Wucht, die Heftigkeit der Liebe zum eigenen Kind haut einen um. Dieses Wesen hat nichts dafür getan, dass man es liebt. Ganz im Gegenteil, denken Sie an die vollen Windeln und das Geschrei in der Nacht.

Die Liebe für Kinder ist von einer ganz besonderen Qualität. Und diese Liebe hat Gott in uns hineingelegt, als Abbild für das, was er für uns als seine Kinder empfindet. Also: Weil Gott unser Vater ist, können wir uns seiner Liebe absolut sicher sein!

Gott als Vater. Das ist der Gott, an den ich glaube und an den ich glauben will! Und das bekenne ich aus tiefster Seele. Auch dann, wenn meine Gedanken beim Glaubensbekenntnis abschweifen sollten.

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