17. September 2017

Reden, Hören und Handeln

Passage: Markus 1,40–45
Dienstart:

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

 

Management. Das bedeutet auf der einen Seite Verwaltung und auf der anderen Seite auch Führung. Also Personalführung. Oder: Wie man aus den Leuten das meiste, ach verzeihen sie, das Beste herausholt. Die wenigsten Menschen sind zu Managern geboren, man kann es aber lernen. Das Managen. Z.B. bei Managementschulungen. Und da lernt man dann so Sachen wie „Tue gutes und sprich darüber“.

 

Aber, wie so vieles andere, haben die Managementgurus auch diese Weisheit aus der Bibel abgeschrieben. Hier heißt es in Mk 4,21, dass man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen solle.

 

Also, „Tue Gutes und sprich darüber!“ – Das ist nicht nur unter Management- und in deren Folge unter den Werbeexperten ein weit verbreiteter Grundsatz. Er hat mittlerweile auch in die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit Eingang gefunden.

  • Denn wo wenn nicht hier wird Gutes getan!?
  • Und wer wenn nicht wir sollten davon erzählen!?
  • Schließlich haben wir einen Verkündigungsauftrag: das Evangelium unter die Menschen zu bringen.
  • Doch diese frohe Botschaft erschöpft sich ja nicht nur in Worten, sondern sie will auch getan werden.
  • Und es schadet ihr bestimmt nicht, wenn auch das zur Sprache kommt.
  • So wirbt Kirche – oder anders formuliert: Das ist Mission. Oder auf steirisch, wie wir es vor 3 Jahren hatten: SO! KANN KIRCHE. Erinnern Sie sich noch?!

 

In der heutigen Zeit ist das wohl notwendiger denn je. Schließlich gehen die Mitgliederzahlen zurück, was auch finanziell schmerzliche Folgen hat. Aber um diese Sorgen geht es nicht – sollte es jedenfalls nicht gehen, keinesfalls in erster Linie.

 

Es geht darum, Menschen für Gott zu gewinnen, sie davon zu überzeugen, dass er ihnen guttut. Natürlich tun wir das nicht, indem wir sie zu ihrem Glück zwingen, diese Zeiten sind – Gott sei Dank! – vorbei. Aber wenn unser christliches Engagement dem Leben dient und die Menschen das sehen und davon hören, werden sie ja vielleicht neugierig und probieren es einmal aus, wie das ist mit dem Himmel auf Erden.

Mit gutem Beispiel vorangehen und ein Vorbild sein. Eben, gutes tun und darüber sprechen. Oder wie es Jesus immer sagte: „Komm und sieh!“ Vorbild und einladend sein. Das ist das Gebit der Stunde … oder war es eigentlich immer für Christen.

 

Eine deutsche Journalistin brachte es auf den Punkt:[1]

„Ich finde, das Motto ‚tue Gutes und rede darüber’ könnten die Kirchen noch mehr zu ihrer Strategie machen. Es finden sich dort so viele positive Themen, allein schon im Bereich Ehrenamt und ganz aktuell der Flüchtlingsarbeit. Aber diese Geschichten könnte Kirche noch mehr nach außen tragen. Und damit auch für Menschen erzählen, die vielleicht nichts mit Kirche zu tun haben. Ich möchte die Menschen, die in der Kirche engagiert sind, wirklich ermutigen, über ihr Tun, ihre Projekte und Ideen zu berichten. Mein Eindruck ist, dass Kirche in ihrem Selbstverständnis viele gute Geschichten gar nicht wahrnimmt.“

 

Das klingt absolut logisch und nachvollziehbar. Und dann? Dann kommt so eine Bibelstelle daher, wie wir sie in Mk 1,40–45 lesen:

 

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! 42 Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich 44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

 

Herr, sende uns Deinen Geist, damit wir Dein Wort verstehen und es in unserem Leben umsetzen können. Amen.

 

Jesus heilt einen Aussätzigen und ermahnt ihn ernsthaft, niemandem etwas davon zu erzählen. Er soll nur zum Priester gehen, damit er wieder rein gesprochen wird und wieder Teil der Gesellschaft werden kann. So war es damals Brauch.

 

Aber wie naiv muss man sein, wenn man glaubt, dass sich der Mann daran halten wird? Ich meine, er hat unter seiner Krankheit und dem Ausschluss aus der Gesellschaft gelitten und dann wird er ruck zuck geheilt. Ernsthaft jetzt, wer würde das nicht am liebsten plakatieren. Und Jesus, ausgerechnet Jesus weiß nicht, dass es der Mann allen erzählen wird?

 

Dieses Motiv des Jesus, der Wunder tut und allen Beteiligten aufträgt, es nicht weiter zu erzählen, kommt vor allem im Mk vor. In der Theologie nennt man das das „Messiasgeheimnis“. Jesus will nicht, dass man erkennt, wer er ist. Die Menschen sollen des Glaubens wegen zu ihm kommen und nicht, weil er Wunder vollbringt.

 

Das ist unter meiner Meinung nach ein großartiges Konstrukt, aber es hält wohl nicht der Realität stand. Jesus kann nicht so naiv gewesen sein zu glauben, dass er damit Menschen wirklich zum Schweigen bringt. Sie werden das sicherlich auch aus ihrer Lebensgeschichte kennen. So wie es in meinem Leben meine geliebte Tante Inge gegeben hat. Wenn ich etwas in meiner Familie effizient und vor allem schnell verbreitet haben wollte, dann habe ich es meiner Tante erzählt. Und wenn ich noch sagte, dass sie das nicht weiter erzählen dürfe, dann war ich mir sicher, das es spätestens bis zum Abend alle wussten. Sogar ich war nicht so naiv zu glauben, dass etwas, das ich meiner Tante „im Vertrauen“ anvertraute, nicht sofort zu den anderen Familienmitgliedern durchdringt. Und Jesus sollte das sein?!

 

Letztlich: Ist es nicht egal, ob Menschen zu Jesus kommen, weil sie an ihn glauben, oder weil sie von ihm geheilt werden wollen? Wichtig ist doch, dass sie kommen. Alles andere macht dann ohnedies nicht mehr der Mensch, sondern der Geist.

 

Und daher stelle ich mich auch hier gegen die herrschende Meinung der Theologen und behaupte, dass da mehr dahinter steckt: Jesus wollte seine Wirkung und seine Macht weiter verbreiten. Auf neudeutsch würde man sagen: Dieser Jesus von Nazareth war ein wahres Marketinggenie und er wusste, wie man seine Botschaft maximal verbreitet ohne große finanzielle Einsätze. Es war ihm also sehr wohl wichtig, so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Denn das war ja sein Ziel. Deshalb kam er auf die Erde. Warum sollte er sich dann also verstecken? Somit nutzte er meiner Meinung nach das, was man heute virales Marketing nennt. Er tat etwas Beeindruckendes und vertraute darauf, dass diejenigen, die das gesehen hatten, es weiter erzählten und somit noch mehr Publikum kam.

 

Und er war erfolgreich damit. Wie uns auch die Bemerkungen zeigen, dass er sich auf einen Berg oder auf den See zurückzog, um einmal alleine zu sein und zu beten. Der Erfolg übermannte ihn förmlich.

 

Ah, mag man da einwenden, also das mit dem Geheimhalten hätte schon einen Sinn gehabt! Sicher?! Stellen sie sich vor, niemand hätte über das gesprochen, was Jesus getan hat. Dann hätte es niemand aufgeschrieben und wir säßen heute nicht hier, sondern würden vielleicht irgendwelche Knochen in die Luft werfen und seltsame Tänze um ein offenes Feuer aufführen.

 

Jesus zog sich also immer öfter zurück, es wurde schwieriger, ihn zu begegnen. Rund 2.000 Jahre später nennen das die Marketinggurus „Rarmachen des Produkts“, eine der großartigsten Marketingstrategien. Es erzeugt eine „künstliche Knappheit“ und noch mehr Menschen wollen das Produkt haben oder diesen Menschen sehen. Jesus wurde noch interessanter. Noch mehr Zuspruch, gesteigert bis zu den Hosianna-Rufen beim Einzug in Jerusalem, als ihm die Volksmenge förmlich zu Füßen lag.

 

Nein, es klingt ein wenig despektierlich, aber ich denke Jesus war ein Marketinggenie. Er wusste, wann er was zu tun, wann etwas zu sagen und wann zu schweigen hatte.

 

„Tue gutes und sprich darüber“, das lehrt er uns. Auch hierbei sollten wir ihm nachfolgen!

Aber es gibt, wie bei jeder Münze, eine 2. Seite. Wir haben auch die Geschichte von der Frau im Tempel, wo Jesus dann sagt, man sollte so geben, dass die Linke nicht weiß, was die Rechte macht. Es gibt also auch die Seite, wo man gutes tut und gerade nicht davon oder darüber spricht. Wann sollte man also nur handeln, ohne darüber zu reden? Ich denke, die Entscheidung ist relativ einfach. Und wie bei allen Entscheidungen in unserem Leben, sollten wir uns dabei von der Liebe leiten lassen. Oder … die Marketingexperten nennen das dann 2.000 Jahre nach Jesus einfach … Hausverstand.

 

Wenn ich jemanden verletzen könnte, weil ich darüber spreche, was ich getan habe, dann sollte ich es lassen. Da ist z.B. die Familie X, die in einer finanziellen Notlage war und um Hilfe fragte. Sie ist sicher dankbar, wenn man das mit der nötigen Diskretion behandelt. Oder Frau Y wird es sicher nicht gerne sehen, wenn ich allen erzähle, dass ich sie im Krankenhaus besucht habe. Es geht hier um die Wahrung der Würde und der Privatsphäre der Menschen. Wobei in Zeiten von Facebook diese Grenzen zunehmend im Verschwinden begriffen sind.

 

Man kann es drehen und wenden wie man will. Eines steht bei all dem im Mittelpunkt: Man muss handeln. Ohne Handlung gibt es nichts, worüber man reden oder schweigen könnte. Ohne Handlung keine Vorbildwirkung, kein Zeugnis für das, was wir Christen tun und warum wir das Salz der Erde sind.

 

An ihren Taten oder Früchten werdet ihr sie auch erkennen, so sagt uns der Herr in Mt 7,16 und meint damit zwar die schlechten Propheten. Aber selbstverständlich gilt das für die guten Propheten ebenso wie für jeden Christenmenschen. Ohne die Tat, ohne die Handlung, ohne das entschlossene Zupacken, bleibt alles leer und die Welt wird sicherlich nicht zum Reich Gottes.

 

Auf heute umgemünzt: Wenn man gegen etwas ist, erreicht man nichts. Ein Fußballspiel gewinnt man auch nur, indem man vorne Tore schießt, nicht, indem man hinten nur mauert. Man muss für etwas einstehen, man muss versuchen Änderungen herbeizuführen und man sollte dann auch darüber reden, sofern es natürlich die Würde und die Privatsphäre erlauben. Das meinte die Journalistin, über die ich vorher gesprochen habe. Und das meinte schon Jesus vor 2000 Jahren. Stell dein Licht nicht unter den Steffel.

 

Und so sollten wir als Gemeinde und als Kirche es auch nicht tun. Was nötig ist, ist das Vertrauen, wie es auch der Aussätzige hatte. Er wusste, Jesus kann ihn retten, denn er sagte ganz fest und bestimmt: „Willst du, so kannst du mich reinigen.“ Kein Zweifel. Keine Sorge. Keine Angst. Denn wir, die wir heute hier sitzen, wissen: Wir sind nie allein: Der Herr, der Höchste, ist immer mit uns. Wer also will wider uns sein?

So lasst uns von unseren guten Taten sprechen, lasst uns Zeugnis geben, von den positiven Dingen, die wir bewirken. Und das ganze frei von Starallüren oder Eitelkeiten, einzig und allein um daran mitzuwirken, das Reich Gottes zu errichten. Denn schon Jesus zeigte uns vor, dass er mit allen erdenklichen Möglichkeiten dafür sorgt, dass die Gute Nachricht verbreitet wird.

[1]Assmann, Cordula: Kirchesollte selbstbewusst öffentlich sein. In: Evangelischer Kirchenkreis Hagen, http://www.wir-feiern-reformation.de/interviews/detail/kirche-sollte-selbstbewusst-oeffentlich-sein/ [Aufruf: 15.9.2017]

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