Von der Gefangenschaft des Herzens
30. Juni 2019

Von der Gefangenschaft des Herzens

Passage: Jesaja 55,1–3

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,
materiell gesehen, leben wir heute in der besten aller Welten. Noch keiner Generation vor uns ist es so gut gegangen. Wir werden so alt, wie seit Methusalems Zeiten nicht mehr. Wir leben so komfortabel wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Und es ist sauber und sicher. Keine Kriege, keine großangelegten Gewalttaten, kein großes Elend und noch nie hatten so viele Menschen so viel Geld und Eigentum wie heute. Jedenfalls bei uns in Europa, in Österreich. Für einen Menschen aus dem Mittelalter oder selbst für die meisten Menschen, die die vorletzte Jahrhundertwende um 1900 erlebten, muss das Österreich des Jahres 2019 wie ein Paradies wirken.

Und doch. Wir gut situierten, gesunden, alten, in nie dagewesener Sicherheit lebenden Menschen im sogenannten Westen haben Angst. Mehr noch. Unser Herz scheint förmlich gefangen in einem Netzwerk aus Angst und Aggression.

Ich denke, es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen.

Da ist zum einen die besorgniserregende Zunahme von Hass und Gewalt in unserer Gesellschaft. Wir lesen, hören und sehen es in den Medien: Bilder von Holocaustüberlebenden werden geschändet, Politiker wie Walter Lübke ermordet, Helfer in Noteinsätzen und Ehrenamtliche für ihren Einsatz beschimpft und bedroht und eine junge Schwedin, die sich gegen die Klimaerwärmung einsetzt, wird mit Hohn und Hass überschüttet. Sie alle stehen exemplarisch für die Opfer von Hass und Gewalt, die oft aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft kommt. Unbegründet, wie der Blick auf die eingangs aufgeführten fakten zeigt und dich aus dem Herzen kommend. Es sind dies die widerwärtigen Schreie der Herzen, die sich in der Gefangenschaft der Angst befinden. Diese drückt das Herz zusammen, bis es nicht mehr anders kann, als sich mittels Gewalt davon zu befreien. Scheinbar jedenfalls, denn jeder Gewaltausbruch erleichtert die Einschnürung nicht etwas, sondern verschlimmert sie noch. Wie bei einem heroinsüchtigen: Der nächste Schuss lindert zwar die Schmerzen, aber macht noch weiter abhängig. Der Effekt ist der gleiche wie bei der Gewalt: eine Spirale, die nach unten, zu einem noch mehr, führt.

Ja, es stimmt schon. Hass und Gewalt, Krieg und Töten hat es zu allen Zeiten gegeben, ist also nichts Neues. Das scheint fast eine Konstante des Menschen zu sein. Erschwerend kommt aber hinzu, dass sich durch den menschlichen Forscher- und Erfindungsgeist die Zahl der möglichen Waffen und Austragungsorte vervielfacht hat. Angetrieben durch die Möglichkeit, daran Geld zu verdienen, gibt es heute eine verhängnisvolle Entwicklung, die folgerichtig in eine Spirale von zunehmender Angst und ihren Folgen mündet. Denken sie nur an die einfachste Form der Gewalt: Den Rufmord. Früher war der vielleicht auf den Heimatort beschränkt und man konnte zur Not durch Umsiedelung in einen anderen Landesteil unbefangen von vorne beginnen. Aber heute? Facebook und die anderen sozialen Medien sind global. Nach einer „Rufmordkampagne“ gibt es keinen Ort für einen Neuanfang mehr.

Diese Konstante des Menschen nach Gewalt und immer mehr von allem, hat bereits die Propheten der Bibel beschäftigt. Beispielhaft sei das an Jesaja gezeigt. So lesen wir es in unserem heutigen Predigttext in Jes 55,1–3:

1 Der Herr ruft: »Ihr habt Durst? Kommt her, hier gibt es Wasser!
Auch wer kein Geld hat, kann kommen. Nehmt euch Brot und esst! Hierher! Hier gibt es Wein und Milch. Bedient euch, es kostet nichts!
2 Warum gebt ihr euer sauer verdientes Geld aus für Brot, das nichts taugt, und für Nahrung, die euch nicht sättigt?
Hört doch auf mich und tut, was ich sage, dann habt ihr es gut! Ihr dürft köstliche Speisen genießen und euch daran satt essen.
3 Hört mir zu und kommt her!
Ja, nehmt meine Worte an, dann werdet ihr leben! Ich will einen Bund für alle Zeiten mit euch schließen und euch die Gnade erweisen, die ich David versprochen habe.
Herr, lass Dein Wort unser Herz berühren und unser Handeln leiten. Amen.

Worum geht es also? Nun, zuerst werden die Grundbedürfnisse befriedigt: essen und trinken. Erst wenn das gesichert ist, kann sich der Mensch aufmachen, mehr zu entdecken und mehr zu sein. Die Befreiung von der Sorge der schieren Existenz setzt erst kreatives Potenzial frei.

Auffällig ist aber jedenfalls, dass Jesaja wie ein Marktschreier agiert. Er „klopft“ förmlich seine Werbebotschaft, die letztlich heißt: Kommt‘s her Leute, hier gibt’s was gratis. Damit erreicht er die maximale Aufmerksamkeit, denn wie auch heute: Wenn‘s was gratis gibt …

Doch die Werbebotschaft ist nicht auf ein einzelnes Ereignis beschränkt. Wir lesen ja weiter, dass es das Gratisessen immer gibt und die Hörer werden ermahnt, ihr Geld nicht für nährwertloses Essen auszugheben. Jesaja also ein Bio-Prophet, steht er im Lohn der Biobauern?

Nein, so ist es natürlich nicht. Was hier gemeint ist: Essen und trinken allein ist nicht alles. Es gibt da auch die Sehnsucht im Herzen. Sie Sehnsucht nach Sicherheit, Frieden und Geborgenheit und die Frage nach dem Jenseits unserer Existenz. Wir können uns dabei anstrengen, soviel wir wollen, aber diese Sehnsüchte können wir nicht selbst erfüllen und die Frage nicht selbst beantworten. Wir brauchen Hilfe. Das führt uns zu zwei weiteren Fragen: Von wem kommt sie? Und wie erhalten wir sie?

Ich denke, hier an diesem Ort ist die erste Frage klar und einfach beantwortet: Die Hilfe kommt natürlich von Gott.
Doch wie? Durch Hören, erfahren wir in Vers 2, denn hier heißt es eindringlich: Hört doch auf mich! Und dann noch verstärkt und verheißend in Vers 3: „Hört mir zu und kommt her! Ja, nehmt meine Worte an, dann werdet ihr leben!“ Und das mit einem Rufzeichen am Ende und nicht etwa mit einem Punkt. Es ist auch keine Bitte, sondern eine eindringliche Aufforderung.

Jesaja meint damit natürlich nicht ihn und seine Worte. Er ist ja ein Prophet Gottes und als solches sozusagen Nachrichtensprecher Gottes, er wiederholt, was Gott ihm eingibt. Wenn wir also auf Jesaja hören sollen, dann bedeutet das, wir sollen auf Gott hören.

Unsere Sehnsüchte werden erfüllt und unsere Frage nach dem Jenseits beantwortet, wenn wir uns Gott zuwenden und auf sein Wort hören. Mit anderen Worten: Suchen wir die christliche Gemeinschaft, hören wir die Predigt, lesen wir in der Bibel, so werden die Sehnsüchte erfüllt. So erreichen wir ein Leben in Sicherheit, Frieden und Geborgenheit.

Liest man in der Bibel, so findet man unzählige Belege dafür. Auch unser Wochenspruch stimmt in diesen Kanon ein: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Wir sollen hören und wir sollen hinkommen.

Wissen sie, was das Schöne daran ist: Es zeichnet ein Bild eines einladenden Gottes, der seine Hand ausstreckt und jedem einzelnen Menschen die Wahl lässt, ob er diese Hand ergreifen will. Gott drängt sich uns nicht auf, er lädt vielmehr ein. Und das kostenlos, eben aus reiner Gnade. Keine Bedingungen, wie es in anderen Konfessionen oder Religionen zu erfüllen gilt. Ohne Vorbehalt. Jeder kann kommen und hören.

Wir können Gott begegnen, wenn wir es wollen. Klingt etwas abgehoben, ich kann ja nicht in ein Café gehen und dort auf Gott warten, um mit ihm einen Kaffee zu trinken. Wie also kann ich Gott begegnen. Nun, da hilft ein Blick auf Martin Luther. Er beschreibt eine solche Begegnungsstelle in seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, wo es heißt: „Denn wo das Wort des verheißenden Gottes ist, da ist der Glaube des Menschen nötig, der diese Verheißung ergreift. Es ist also klar, dass der Glaube der Anfang unserer Seligkeit ist.“
Für Luther ist demnach der Glaube der Anfang der Seligkeit. Die Begegnungsstelle Gottes mit dem Menschen. Ohne Glaube an Gott, kann ich ihn nicht begegnen und wohl auch nicht erkennen.
Nur wenn ich Gott begegne, also an ihn glaube, kann ich ihn auch hören, weil ich zu ihm gehen will. Dieses Gehen zu Gott kann nun der Kirchenbesuch, die Bibellese oder das regelmäßige Gebet sein. Besser ist natürlich alles zusammen, da dadurch mein Glaube gestärkt und mein Hören verbessert wird. Dadurch werde ich wiederum mehr erfahren und werde meine Sehnsüchte noch leichter befriedigen können.

Denn die Last der Gefangenschaft des Herzens kann manchmal sehr schwer, sehr be-lastend werden. Gerade darum ist die christliche Gemeinschaft so wichtig und eigentlich unersetzbar. Sie führt schließlich zum Gebot der Nächstenliebe. In Gal 6,2 drückt es Paulus sehr anschaulich aus: „Jeder soll dem anderen helfen, seine Last zu tragen. Auf diese Weise erfüllt ihr das Gesetz, das Christus uns gegeben hat.“ Dabei geht es nicht um das Abnehmen einer Last aus Mitleid, sondern um das Mitgefühl, um Beistand. Dieses Mitgefühl lässt dem Anderen seine Selbstständigkeit und Freiheit für sein Handeln. Das Wichtige dabei ist, dass er oder sie spürt: „Ich bin nicht allein gelassen.“

Dieses Gefühl des Nicht-allein-gelassen-seins wird es leichter werden lassen, das Angebot Gottes im eigenen Leben als Verheißung hören zu können. Ja, hören zu wollen. Wenn die Last des Herzens übergroß wird, ist das Zuhören wichtig. Der Bedrückte will sich förmlich seine Angst, seinen Schmerz, seine Sorgen von der Seele reden. Doch wie reagieren? Was sagen? Hierbei kann uns die Sicht des Propheten wieder einen Hinweis geben. Wir lesen sie in Jes 50,4: „Gott, der HERR, gibt mir die richtigen Worte, damit ich erschöpfte Menschen trösten und ihnen neuen Mut zusprechen kann. Morgen für Morgen weckt er in mir das Verlangen, von ihm zu lernen wie ein Schüler von seinem Lehrer.“
Ich muss also selbst hören, damit ich anderen zuhören kann. Hören auf das, was Gott sagt und will, damit ich aktiv zuhören kann, um meinem Bruder oder meiner Schwester wieder ein unbeschwertes Herz zu ermöglichen. Das kann und soll – im Sinne des Priestertums aller Gläubigen – jeder machen. Das ist Seelsorge. Und das ist dann das, was Pfr. Eberhardt in seiner letztwöchigen Predigt über die Tankstelle für die Seele auch meinte.
Kommt also her, hört zu und nehmt die Worte des Herrn an. Das wird ein Leben in Sicherheit, Frieden und Geborgenheit ermöglichen und letztlich ein Leben in Freiheit und Liebe ermöglichen.

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