5. August 2018

Von der großen Friedensvision.

Passage: Jesaja 62,6–12

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

ich weiß nicht wie gut Sie in der Orientierung sind. Aber wissen Sie, in welcher Himmelsrichtung der Altar liegt?

Genau, im Westen. Das ist merkwürdig und eigentlich ein grober Schnitzer des Architekten unserer Kirche. Hat er komplett die Orientierung verloren?! Oder haben die Gründerväter unserer Gemeinde vergessen, wie Kirchen immer gebaut wurden, nämlich ausgerichtet nach Osten, nach Jerusalem und damit in guter Verbindung von Kirche und Israel?
Symbolisch bedeutet die Ausrichtung nach Osten, dass sich die Christen Jerusalem und somit auch Israel zuwenden. Doch hier bei uns? Wir zeigen Israel und den Juden den Rücken. Nicht nur in unserer Kultur ist das unhöflich, oder?

 

Dieser Konstruktionsfehler, dem ich mir erst diese Woche bewusst wurde, regt mich zum Nachdenken an. Ist darin eine Botschaft versteckt? Immerhin haben wir ja auch hier ein eher problematisches Altarbild, das ganz deutschchristlich ausgestaltet ist. Man bemerke den blonden Jesus; er ist Kind einer ideologisierten und ich sage mit dem Brustton der Überzeugung, einer irregeltieten Zeit, mehr noch: der dunkelsten Zeit unserer langen Geschichte!

Vor diesem Hintergrund scheint es nur konsequent zu sein, Israel den Rücken zu kehren, denn die Deutschen Christen im Hitlerreich wollten nichts anderes, als das Christentum und die Bibel von allem Jüdischen zu reinigen. Das wurde halt nur nicht zu Ende gedacht, denn Jesus wurde als Jude geboren, lebte als Jude und ist als solcher auch gestorben. Eine Bibel, ein Evangelium ohne Jesus? Hmmmh …

 

Das Christentum ist ohne das Judentum nicht vorstellbar. Immerhin waren die Heiligen Schriften der ersten Christen, in denen zu lesen uns u.a.im 1Tim aufgetragen ist, nichts anderes als die Heiligen Schriften der Juden, also das, was wir heute das AT nennen. Wir teilen mit den Juden sehr vieles. Dabei ist das AT nur das Augenfälligste. Und daher ist es auch gut und recht, am heutigen Israelsonntag mit einem atl. Text zu predigen, und zwar aus dem Buch Jesaja (62,6-12):

 

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, 7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, 9 sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! 11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! 12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«

Herr, gib uns ein verständiges Herz, damit wir Dein Wort aufnehmen und uns danach richten können. Amen.

 

Der Predigttext beschreibt eine Zeit, als der Tempel nach dem babylonischen Exil wieder aufgebaut wurde. Es waren kaum noch Menschen in Jerusalem oder im Umland. Nur ein paar Mauern standen schon. Und auf diesen waren Wächter.

Das ist seltsam, oder? Warum Wächter, wenn ohnedies niemand da ist, den man beschützen muss?

Des Rätsels Lösung: Die Wächter waren keine Soldaten, die die Bevölkerung vor fremden Mächten schützen sollten. Das war außerdem nicht nötig, denn sie lebten im Perserreich des Kyros bzw. des Dareios und es gab Frieden.

Nein, diese Wächter waren sowas wie die Rufer in der Wüste. Sie sollten die, die zurückkehrten immer wieder daran erinnern, dass sie sich an Gott halten sollten. Ihre Aufgabe war es, auf Missstände aufmerksam zu machen und die Menschen zu ermahnen. Sie waren sozusagen das personifizierte gute Gewissen. Und diese Stadt und die wenigen Menschen, die darin lebten, brauchten also diese Wächter, von Anfang an. Damals schon und heute erst recht.

 

Heute ist Jerusalem kompliziert. Nicht erst seit Präsident Trump die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem ankündigte. Wie keine andere Stadt ist Jerusalem Schauplatz und Sinnbild des Nahostkonflikts und zugleich Heimat und Wohnort unterschiedlichster Menschen. Einfache Antworten verbieten sich, zumal aus der Ferne und erst recht vor unserem historischen Hintergrund.

 

Das Wort Jerusalem steht dabei stellvertretend für das Volk Gottes, für die Juden also. Jerusalem … Jerusalem braucht Wächter. Das wusste schon Jesaja. Tag und Nacht. Die sich keine Ruhe gönnen und die Gott keine Ruhe lassen. Uns Christen darf Jerusalem, darf Israel und dürfen die Juden keine Ruhe lassen. Weil Israel und Jerusalem Heimat für Juden auf der ganzen Welt ist. Ganz physisch als sichere Heimat, aber auch religiös und erst recht symbolisch. Wenn wir Christen das vergessen, dann vergessen und verleugnen wir nichts geringeres als unsere Wurzeln und unsere Verantwortung. Und wir nähern uns der absurden Position der Deutschen Christen an.

 

Nicht dass wir die Wächter Jerusalems wären, die hier vom Propheten Jesaja aufgerufen werden und unseren Dienst auf den Mauern der Stadt tun sollten. Die jüdische Tradition hat in den Rabbinern und jüdischen Gelehrten diese Wächter wiedererkannt. Sie sollen sich Tag und Nacht um Gerechtigkeit und die rechte Auslegung der Tora kümmern und auch Gott dabei in den Ohren liegen. Das ist ein schönes Bild für die Verantwortlichen in Sachen Religion: Wächter auf der Mauer zu sein, die sich und Gott Tag und Nacht keine Ruhe gönnen und nach dem Wohl der Stadt und der Menschen suchen.

 

Aber auf Umwegen gibt dieses Prophetenwort einen Impuls für uns Christen heute. Die Wächter nämlich sind es, die mir zu denken geben. Wenn wir uns als Wächter sehen – was wir tunlichst sollten –, also als Menschen, die vor Ungemach warnen, dann haben wir natürlich eine andere Blickrichtung, als sie Jesaja hatte. Denn unser Blick muss in unsere eigene Richtung gehen, vor unsere eigene Haustür. Welche Steine müssen da beiseite geschafft, welcher Dreck weggekehrt werden?

 

Die Frage, die wir uns, jeder einzelne von uns, stellen muss ist die: Sind wir wachsam genug, was den aufkeimenden Antisemitismus in unserem Land anbelangt? Nicht nur durch Zuwanderung aus muslimischen Ländern, die traditionell antisemitisch sind, sondern auch bei uns „Eingeborenen“ gibt es einen weitverbreiteten Antijudaismus, der je länger die Schrecken der Hitlerdiktatur zurückliegen, umso salonfähiger zu werden scheinen. Man blicke nur nach Ungarn und der Kampagne gegen den ungarischen Exiljuden George Soros. Auch in unserem Land haben sich die antisemistischen Vorfälle von 2014 auf 2017 fast verdoppelt. Und seit der Regierungsbeteiligung der FPÖ sind diese Zahlen nochmals weiter im Steigen begriffen. Fast schon täglich hört man in den Medien Berichte über antisemitische Übergriffe, wie erst unlängst in Wien, wo jemand gezielt Juden auf der Straße attackiert hat.

 

Sind wir gute Wächter? Wachen wir genug über Jerusalem?

Treten wir antisemitischen Stimmen mit Vernunft und Entschiedenheit entgegen?

Sind wir wach genug, nicht selbst in Klischees über Juden oder „das Judentum“ zu verfallen?

 

In diesem Sinnsollen wir Wächter sein, die sich keine Ruhe gönnen, um Judenfeindlichkeit in allen Varianten zu überwinden.

Aber warum sollen wir Christen Wächter der Juden sein? Nun, im Text lesen wir auch etwas ganz Wichtiges: Es geht nicht um die Juden allein, sondern es geht um die Völker. Die Bezeichnung Völker meint in dem Kontext alle Nicht-Juden. Gott hat das Volk Israel auserwählt, damit es der Welt, also auch den Völkern, Gott näher bringt. Und hier erfahren wir, dass die Juden die Türen für die Völker aufmachen sollen und mehr noch: Das Heil Israels kommt aus den Völkern, lesen wir in Vers 11.

 

Das Heil der Juden kommt also aus den Völkern. Das steht hier klar und deutlich. Wie verkehrt ist dann aber das über 2.000-jährige Verhältnis der Christen zu den Juden. Unzählige Pogrome hat es gegeben und der Höhepunkt war der Holocaust. Das infamste dabei ist, wenn es Menschen gibt, die ihn ernsthafterweise als „Fake-news“ abtun. Die Frage, die dann ungeklärt bleibt: Wo sind die 6 Mio. Juden hingekommen, die Hitlers Schergen diesen Spinnern nach ja nicht umgebracht haben? Doch dies ist ein anderes Thema.

 

Zurück zum Wächteramt. Um dieses uns zugedachte Amt auszufüllen, müssen wir erst einmal gut zuhören, wie es uns Jesaja ebenso in Vers 11 überliefert hat. Als Hörer stehen wir nicht im Zentrum der Szene. Im Zentrum stehen die Juden, die die Steine für die Völker, also uns, wegräumen sollen. Eine wechselseitige Verbindung, eine Abhängigkeit also. Der Eine kann nicht ohne den Anderen. Man kann es auch anders sehen: Als Christen müssen wir den Juden erst einmal zuhören, hören, was sie zu sagen haben. Z.B. auch im und durch das AT.

 

Dieses Zuhören bedeutet auch Wahrnehmen, was dem Anderen heilig ist. Unterschiede respektieren. Gemeinsamkeiten entdecken. Und da muss man zugeben, dass wir selbst nach 2.000 Jahren noch ziemlich auf dem Weg sind. Noch immer sind nicht alle Steine aus dem Weg geräumt.

 

Aber glücklicherweise hat es in den letzten 7 Jahrzehnten, in der Zeit nach den Schrecken der Shoah, viele Annäherungen und auch öffentliche Erklärungen sowohl von jüdischer wie christlicher Seite geben, die den jeweils anderen in seiner Art zu Glauben anerkennen und nicht mehr ein Gefühl der Überlegenheit postulieren. Das ist das Erfreuliche neben dem Unerfreulichen, nämlich dem wieder salonfähig gewordenen Antisemitismus. Hier sind wir aufgerufen, Stellung zu beziehen und unseren älteren Bruder nicht allein zu lassen. Nicht dass wieder eine Zeit kommt, wo man fragt, wo der „Jud‘ Braun“ aus Köflach eigentlich hingekommen ist.

 

Wenn unser Verhältnis zu unseren jüdischen Verwandten von gegenseitigem Respekt getragen ist, ist es schließlich unerheblich, in welche Richtung wir beten, ob also der Altarraum unserer Gustav-Adolf-Kirche eigentlich in die entgegengesetzte oder in die richtige Richtung zeigt. Denn es kommt nicht auf die Ausrichtung des Gebäudes an, sondern auf die Ausrichtung unseres Herzens. Als Wächter gegen judenfeindliche Worte und Taten bei uns, als Hörende auf die Verheißung des Propheten für das schwer umkämpfte Jerusalem: „Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!“Wir spielen dabei eine schöne Rolle: wir sind nämlich die, die Gott für diese große Friedensvision loben und preisen. Amen.

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