Durstlöscher
28. Mai 2017

Durstlöscher

Serie:
Passage: Johannes 7,37–39

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

 

in meinem Leben hatte ich schon viel mit Menschen zu tun und tue es heute noch. Menschen aus allen erdenklichen gesellschaftlichen Schichten, unterschiedlichster politischer Ansichten, verschiedenen Alters und auch unterschiedlichster kultureller Hintergründe. Oft hört man dabei Dinge, die einem nicht passen, die einem gegen den Strich gehen. Meinungen und Ansichten, die einem die Haare aufstellen. Und es geschehen auch Dinge, die einem förmlich die Faust in der Tasche ballen lassen. Man muss nicht mit allem übereinstimmen. Und man muss auch nicht den Anderen von der eigenen Meinung überzeugen. Man muss aber auch nicht kleinbeigeben und sollte schon für die eigene Meinung einstehen. So jedenfalls halte ich es und ich bin meiner Ansicht nach damit bisher relativ gut gefahren.

 

Es sind die beiden großen menschlichen Themen, die uns Menschen, egal welchen Alters, welcher Bildungsschicht oder welcher Kultur, antreiben: der sprichwörtliche Durst nach Liebe und Freiheit. Es sind dies die menschlichen Bedürfnisse, die Menschen zur Not auch bis zum Äußersten gehen lassen und für die sie bereit sind zu töten und zu sterben.

 

Aus Durst nach Liebe und Freiheit zu töten. Es klingt paradox, aber ich bin der Meinung, dass diese Wahnsinnigen, diese Selbstmordattentäter aus genau diesen Gründen dies tun. Entweder weil sie für sich die Freiheit in nicht erreichbarer Ferne sehen, weil sie sich einer militärischen Übermacht gegenübersehen. Sie hoffen durch diese Tat ein Zeichen zu setzen um für ihre Familien und Freunde das Ziel erreichen zu können, oder weil sie aus Liebe zu einem anderen Menschen töten. Beides und am meisten das Letzte, ist meiner Ansicht nach das Verwerflichste, was man tun kann. Es ist klar gegen den Willen Gottes. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen zu töten!

 

Aber das Paradoxe ist: dennoch sind beides Taten, die aus den gleichen Bedürfnissen gespeist werden. Salman Abedi, der Attentäter von Manchester, hat wohl aus Rache gehandelt. Laut britischen Medien hat sich der libyschstämmige 22-Jährige dem Extremismus zugewandt, nachdem er im vergangenen Jahr gesehen hat, wie ein Freund von britischen Jugendlichen verfolgt und schließlich erstochen wurde.

 

Es war die Liebe zu seinem Freund, zu seinem Volk, die den Mann aus Manchester zum mehrfachen Mörder machte. Und es war der Hass „auf die anderen“, die die Männer in Ägypten zu ihrer Schandtat trieb. Durst auf Rache, Beseitigung der Benachteiligung. Provokation.

 

 

Durst … ein weiteres großes menschliches Bedürfnis. Ja ein Grundbedürfnis. Man kann tagelang ohne Essen aushalten aber nur eine relativ kurze Zeit ohne zu trinken.

Durst haben wir alle! Und nicht nur lebensnotwendigen Durst nach Wasser. Uns dürstet nach Glück, nach Liebe, nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Trost, nach Hoffnung ... Das spürt man natürlich besonders deutlich an Tagen, in denen wir von den schrecklichen Nachrichten des unfassbaren Anschlags in Manchester überrollt werden.

 

Durst kann man auf viele Arten stillen. Man kann Wasser trinken oder Schnaps. Man wird hinterher keinen Durst mehr haben, aber die Wirkung ist doch eine ganz unterschiedliche. Wasser oder Schnaps? Liebe oder Hass? Das ist die Wahl, vor der jeder Mensch in jeder Sekunde seiner irdischen Existenz steht. Stillt man den Durst nach Glück, nach Liebe, nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Trost, nach Hoffnung mit Hass, wird man sein Ziel niemals erreichen können.

 

Oder die ganzen Anschläge im angeblichen Namen Gottes. Wie jener vom Freitag auf die Kopten in Ägypten? Heute ist der Ausdruck „Allahu akhbar“ zu einer verwerflichen Formel verkommen. Dabei bedeutet es nur „Gott ist groß“. Stimmt ja auch. Aber leider nutzen diese Wahnsinnigen Selbstmordattentäter dies als ihre letzten Worte, bevor die den Abzug an ihrer Sprengstoffweste ziehen. Die Wirkung hat sich verkehrt, pervertiert.

Wer das, einen Anschlag im Namen Gottes oder des Volkes fordert, ist im besten Sinne ein Scharlatan. In Wirklichkeit ist es aber niemand geringerer als der Teufel, der aus ihm spricht. Und diese Vertreter des Teufels hat es als Vertreter aller Religionen und Ideologien gegeben. Ganz egal ob es der Zisterziensermönch Bernhard von Clairvauxist, der im 11. Jh. zum Heiligen Krieg gegen die Muslime aufgerufen hat, Adolf Hitler, Josef Stalin, Pol Pot, Osama bin Laden oder Abu Bakr al-Baghdadi.

Sie alle schenkten und schenken uns kein Wasser des Lebens ein, sondern Wasser des Todes, das denen, die davon trinken direkt in die Hölle führt. Und sie nehmen leider noch viele viele andere unschuldige Menschen mit in den Tod. Verabscheuenswürdig.

 

Wie aber darauf antworten? Mit einem Gegenschlag? Also wieder mit Hass? Blutrache?

 

Dass jemand in seiner Verblendung andere Menschen in den Tod reißt, ist schon schlimm genug. Vollkommen unbegreiflich wird es aber, wenn – wie in jetzt in Manchester oder in Ägypten – vor allem Kinder und Jugendliche unter den Opfern sind.

Verstehen kann man eine solche Tat nicht. Man ist entsetzt und sprachlos und fühlt sich ohnmächtig gegenüber einer Gefahr, der man kaum begegnen kann.

Es ist verständlich, dass man Sicherheitsmaßnahmen für Veranstaltungen noch einmal überprüft und hochfährt.

Es ist verständlich, dass man nach mehr Polizei, mehr Kameras, mehr Überwachung ruft.

Es ist verständlich, dass sich die Wut in irgendeiner Form kanalisieren muss. Vergeltung? Rache?

 

Aber ist es auch vernünftig? Ist es das, was Gott von uns erwartet?

 

Umso beeindruckender sind die Bilder von Leuten, die ihre Trauer nicht durch Hass auf eine bestimmte Gruppe von Menschen fokussieren, sondern Solidarität mit den Opfern zeigen, selbstverständlich Blut spenden.

Menschen, die in ihrer Verzweiflung nicht alleine bleiben wollen, sondern die Gemeinschaft suchen und ihre Türen öffnen.

Menschen, die dem Unfassbaren trotzen, indem sie friedlich das Leben feiern.

Es sind Menschen, die nicht den Durst nach Rache stillen wollen, sondern sich nach einer gewaltfreien Welt sehnen. Sie wissen wohl, dass dies noch lange Zeit ein Traum bleiben wird.

Mir helfen sie, mit Katastrophen, wie die in Manchester oder in Ägypten, fertig zu werden.

 

So wie auch der heutige Predigttext eine Hilfe sein kann, seine Gedanken zu fokussieren. Ich lese aus Joh 7,37–39:

37 Am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, stellte sich Jesus hin und rief mit lauter Stimme: „Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen und trinken – 38 jeder, der an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: ‚Ströme von lebendigem Wasser werden aus seinem Inneren fließen.’“

39 Jesus bezog dies auf den Heiligen Geist. Den sollten die erhalten, die zum Glauben an ihn gekommen waren. Denn der Heilige Geist war damals noch nicht gekommen, weil Jesus noch nicht in Gottes Herrlichkeit aufgenommen war.

Herr, öffne unsere Herzen, damit wir Dein Wort annehmen und danach leben können. Amen.

 

Jesus sagt uns Ströme lebendigen Wassers zu, die unseren Durst stillen. Unseren Durst nach Glück, nach Liebe, nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Trost, nach Hoffnung. Genau das ist es, was ich brauche, um mit all den schrecklichen Dingen klarzukommen, die sich in den letzten Jahren abspielen. Es klingt provokant, aber ich glaube, das ist das, was uns Menschen von Tieren unterscheidet.

 

Es klingt platt, aber wenn wir uns unsere Art zu leben von Terroristen kaputtmachen lassen, dann haben diese Leute gewonnen. Mit dem Ruf nach mehr Überwachung, der Stigmatisierung ganzer Menschengruppen, wie es der amerikanische Präsident vormacht, erreicht man genau das, was diese irrgeleiteten Menschen erreichen wollen: Wir verlieren unsere Freiheit und unsere Liebe.

 

Was sind wir dann noch? Sind wir, ist unsere Art zu leben nicht besser? Sollten wir uns daher nicht nach unseren Werten orientieren, also deren Werte anzunehmen? Toleranz, Freiheit, Liebe statt Intoleranz, Kontrolle und Regeln bis ins Kleinste private Detail hinein und Hass? Wasser oder Schnaps? …

 

 

Die Bilder, die man aus Manchester sieht, sind es, die mir in all dem Horror und Chaos Hoffnung machen. Ich denke, in ihnen drückt sich aus, was Jesus damals gemeint hat, als er von den Strömen lebendigen Wassers sprach. Die, so versprach er, würden sich überall dort ergießen, wo Menschen in seinem Geiste handeln.

Also im Geiste der Nächsten- und Feindesliebe,

im Geiste der Vergebung und Versöhnung,

im Geiste der Zuwendung und Hingabe,

im Geiste des Heilens und des Trostes und

im Geiste des Friedens und der Barmherzigkeit ...

 

Das ist nicht nichts. Denn das sind nichts Geringeres als Andeutungen des Himmelreiches, das auf Erden Gestalt annehmen soll ... Und danach sollten wir ja zuerst streben!

All das sind Andeutungen des einen, Heiligen Geistes, der das Evangelium mit Leben erfüllt, der uns ein Leben in Liebe und Freiheit ermöglicht.

 

Aber, es sind leider „nur“ Andeutungen. Ich muss damit klarkommen. Der Durst, den wir Menschen verspüren, ist noch nicht endgültig gestillt. „Denn der Heilige Geist war damals

noch nicht gekommen“ lesen wir in Vers 39. Was Johannes damals seiner Leserschaft erklärte, das gilt in anderer Weise auch heute noch. Mit Pfingsten, das wir am kommenden Wochenende begehen, feiern wir zwar die Ausgießung des Heiligen Geistes. Und die Herrlichkeit Jesu ist mit Kreuz und Auferstehung bereits erkennbar. Aber erlöst ist diese Welt noch nicht, wir warten immer noch auf die Wiederkunft Christi und das Reich Gottes ergreift nur hier und da und von Zeit zu Zeit Besitz von dieser Welt. Es liegt an uns, es derweil aufzurichten. Nicht einfach nur zu warten, bis unser Herr Jesus wieder kommt!

 

Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen und trinken.“ Es bleibt mir nichts anderes übrig, als der Verheißung von damals zu vertrauen ... und ihr mit meinen eigenen Möglichkeiten Leben einzuhauchen.

Hier, in meinem Umfeld.

Und in der Hoffnung, dass meine Taten für andere Menschen zum Vorbild werden.

So wie auch ein junger Zimmermann einst mit seinen Taten voranging und Vorbild für über 2 Milliarden Menschen wurde.

 

Und wissen Sie was? Es ist in der Tat nicht wenig, wenn ich aus dieser Verheißung Trost und Kraft schöpfen kann. Im Gegenteil. Es ist die einzige Hoffnung, die mir bleibt, um an dem Unfrieden in der Welt nicht zu verzweifeln. Und an meinen eigenen Sehnsüchten nicht zu verdursten.

 

 

Was bleibt nach einer solchen Woche? Die ewig alte Frage nach der Existenz Gottes. Wie kann Er zulassen, dass Menschen einfach so umgebracht werden? Noch dazu junge Menschen. Und es gibt darauf die ewig gleiche Antwort: Nicht Gott hat das getan, sondern es war ein irregeleiteter Mensch, der das falsche Wasser getrunken hat um seinen Durst zu löschen.

Gott ist bereit mir das gute Wasser zu geben. Das Wasser, das zum Heil führt. Trinken muss ich aber schon selbst. Oder: Vor die Wahl gestellt, Wasser oder Schnaps gegen den Durst zu trinken, liegt es an mir, die richtige Entscheidung zu treffen. Und diese Entscheidung muss ich jeden Tag aufs Neue treffen. Trinke ich nur Schnaps gegen den Durst werde ich kaum richtige und gute Entscheidungen treffen.

Denn Schnaps ist Alkohol. Und Alkohol ist ein Nervengift.

Es vergiftet mich, es vergiftet meinen Taten und Handlungen.

Ebenso wie Gier, Machtstreben oder auch und vor allem Rache.

Abhilfe schafft der Glaube, der mir den Heiligen Geist schenkt.

Denn „Den sollten die erhalten, die zum Glauben an ihn gekommen waren.“ Und daraus bekomme ich, bekommen wir, Freiheit und Liebe – und zwar Nächsten- und Feindesliebe.

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