1. Juli 2018

Geh los!

Passage: 1. Mose 12,1–4
Dienstart:

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

jetzt dauert es nicht mehr lange bis zum Urlaub. Wer wegfährt, hat seine Reise sicher schon geplant, Flug oder Fahrt und Hotel sind gebucht. Es geht in die Berge, dem Himmel nah, durchatmen in überwältigender Natur, über dem Alltag schweben. Oder ans Meer, strahlende Sonne, glitzernder Strand, herrlich erfrischendes Wasser, entspannen vor dem unendlichen Horizont. Oder in die Ferne, eintauchen in eine andere Kultur, Tempel und Paläste bestaunen, exotische Farben und Gerüche aufsaugen, mit Fremdem vertraut werden. Einfach herrlich! Bald geht’s los. Die Vorfreude steigt. Und vielleicht auch die Nervosität, alle Dokumente zu haben. Ist alles eingepackt?

 

Was aber würde aus Ihrer Reiselust, wenn Sie nur die Hinreise gebucht hätten? Ohne Katalog und Reiseführer. Last-minute ohne Ahnung wo hin? Bestenfalls eine ungefähre Vorstellung vom Ziel? Fast alles ist unklar, nur eines aber sicher: es wird ein Aufbruch ohne Rückkehr sein, ein Abschied für immer, von Freunden, Familie, Arbeitskollegen, vertrauter Umgebung. Da wird doch die Vorfreude schnell getrübt von bangem Nachdenken und Zaudern. Angst vor dem Unbekannten steigt auf.  „Kann ich das schaffen? Bin ich den Herausforderungen gewachsen?“, fragen Sie sich wahrscheinlich in der Situation. Immer deutlicher tritt ins Bewusstsein, was Sie verlieren mit dem Abschied. Und Furcht vor dem, was unterwegs und erst recht am Ziel passieren kann. Und dann erst die Zweifel, ob Sie überhaupt gehen sollen.

 

Und was wäre, wenn das Aufbrechen gar nicht Ihre Idee gewesen wäre? Womöglich wurde es Ihnen von außen aufgedrängt, zu gehen. Oder es war höhere Gewalt. Einfach unausweichlich. Sie mussten einfach, hatten keine andere Wahl?

 

Immer wieder sind wir mit größeren oder kleineren Aufbrüchen konfrontiert. Der Eintritt in den Ruhestand ist so ein Aufbruch ins Unbekannte.

Oder wenn man die Arbeitsstelle verliert. Da taucht die Frage auf: „Wohin jetzt mit mir?“

Ein junger Mensch steht vor der Frage, welche Ausbildung er machen soll.

Ein junges Paar überlegt, ob sie den Schritt in die Ehe wagen wollen. Und ob sie sich zutrauen, Eltern zu werden und einem Kind das Leben zu schenken.

Jeder Lebenslauf kennt solche Einschnitte, in denen der weitere Weg bestimmt wird. Die Wegmarken des Lebens, die wirklich entscheidenden Momente, die alles Weitere verändern.

 

Unser heutiger Predigttext erzählt, warum und wie ein Mensch aufgebrochen ist. „Geh los!“, sagt da Gott zu Abram. Mach‘ dich auf, mit allem, was du bist und hast, ohne Fragen, ohne Raunzen und Zaudern. Hören wir auf 1. Mose 12,1–4:

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Herr, gib uns die Kraft des Heiligen Geistes, damit wir Dein Wort verstehen, damit es unser Reisebegleiter durch das Leben werde. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wir spüren die Zumutung in der Aufforderung „geh los!“. Und Gott sagt gleich dazu, was der Preis fürs Losgehen ist: Verlass‘ deine Heimat, deine Verwandtschaft und deinen Vater. Als Erstgeborener soll Abram damit auch seinen Erbanspruch aufgeben. Damit lässt er ganz schön viel zurück, nicht nur ideelles, sondern auch materielles, das Auskommen seiner Familie, den Lebensunterhalt.

 

Wofür das alles? Für „ein Land, das ich dir zeigen will“. Unbestimmter geht es nicht. Alles aufgeben und dann in ein Land kommen, dass einem erst gezeigt wird? Nicht etwa, „Ich führe Dich in das Land wo Milch und Honig fließen.“ Nein, einfach ein anderes Land. Fruchtbar oder öde? Friedlich oder feindlich? Wie sind die Menschen dort? Nein, keine dieser oder anderer Informationen wurde gegeben. Einfach: „Geh los!“

 

Haran war eine unbedeutende Handelsstadt an der Karawanenstraße zwischen Aleppo und Ninive. Mit anderen Worten: ein Kaff. Immerhin gab es in Haran einen Tempel für die Mondgöttin Sin. Die hatten sie auch in Ur verehrt. Aber nun spricht nicht die Mondgöttin zu Abram, sondern ein anderer Gott. Er will Abram das neue Land zeigen. Abram soll es sehen und durchziehen, entdecken und kennen lernen. Und was tut Abram? Er überlegt nicht lange, er zieht einfach los. Alles zurücklassend, ohne Wissen was ihn und seine Frau erwartet.

 

Wenn wir vor einem Aufbruch in unserem Leben stehen, denken wir zunächst einmal an das, was wir zurücklassen. Nur zu oft auch melancholisch und verklärend. Aber hören wir genau hin. Es könnte Gottes Stimme sein, die da ruft. Es könnte Gott selbst sein, der uns ein neues Land, ein neues Leben zeigen will. Es ist dann eher nicht die vertraute Stimme der Tradition, der Planbarkeit, unseres bisherigen Lebenskonzepts, sondern die Stimme des Gottes, der aus der Zukunft zu uns spricht. Der uns ungeahnte Lebensmöglichkeiten zeigen will. Mitten in der Steppe, die so unwirtlich aussieht, dass es uns graut. Wir sollen dieses neue Land entdecken und unseren Platz darin finden. Geh los, sagt der Gott aus der Zukunft. Schau nicht zurück, schau nach vorne und geh los!

 

Mit einem Mal werden die Gedanken dann nicht mehr von dem beherrscht, was man loslassen muss. Es wächst eine Art Neugier auf das Kommende. Wie kann man das Neue organisieren, wie sich darin zurechtfinden? Welche Chancen tun sich auf, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Ein Neubeginn! Was wird es etwa zu entdecken geben, was wir jetzt allenfalls erahnen können? Und werden sich die Träume und Wünsche erfüllen?

Aus dieser Aussicht keimt vielleicht ein erstes Vertrauen in den, der ruft. Und der legt bei Abram auch gleich nach und erklärt ihm, was ihn erwartet: Ich will dich segnen!Und noch dazu mit einem ganz greifbaren Segen: Abram soll viele Nachkommen haben. Er soll Vater eines großen Volkes werden. Bis jetzt allerdings haben Abram und Sarai noch keine Kinder bekommen; und Abram ist schon 75! Das macht ihnen Kummer. Das entwertet sie als Paar in ihrer Kultur.

 

Diesen Kummer sollen sie zurücklassen und darauf warten, wie Gottes Segen Neues schafft gegen allen Augenschein. Auch das Land, das Gott ihnen zeigen will, soll ihnen gehören. Genug Platz wird dort sein für die Ausbreitung ihrer Herde und für die Herden ihrer Kinder.

 

Wenn Gott zum Aufbruch in die Zukunft ruft, können die Umstände so dramatisch sein, wie sie wollen. Sie werden sich in Segen wandeln. Gott ruft nicht in Elend und Untergang. Er schafft Neues. Bei dieser Aussicht merken wir, dass wir beim Aufbrechen auch manch alten Kummer, manch fruchtlose Sorge und manch irrige Planung zurücklassen können. Das weckt Zuversicht und macht Mut zum Aufbrechen.

 

Die Berufung Abrams ist allerdings weit mehr als die Geschichte von einem Mann im Alten Orient. Sie eröffnet einen neuen Abschnitt in Gottes Geschichte mit den Menschen. Abram erhält von Gott wenig später einen neuen Namen: „Abraham“, „Vater eines großen Volkes“, Stammvater des Volkes Gottes. So reicht auch der Segen, den Gott Abram zuspricht, weit über seinen Eigenbedarf hinaus.

 

Ja, es geht ihm gut, nachdem er aufgebrochen ist. Er bekommt Nachkommen und Land. Die Herde gedeiht. Aber er muss auch noch durch ein paar Prüfungen gehen. Und an ihnen erkennt er, worin der Segen Gottes eigentlich besteht. Nicht nur in Wohlstand und Glück, sondern vor allem in der Nähe Gottes.

Abraham wird im Rückblick der „Freund Gottes“ genannt werden. Und das ist wirklich das Höchste, was man von einem Menschen sagen kann. Er wird mit Gott vertraut werden. Er wird sein Leben im direkten Zwiegespräch mit dem Schöpfer führen. Freude und Leid wird er mit ihm teilen.

Diese Vertrautheit mit Gott vererbt Abraham seinen Nachkommen, dem Volk Israel. Und durch Jesus Christus dürfen auch wir uns zu Abrahams Erben zählen. Auch uns ist der Zugang zu diesem nahen Gott eröffnet. Dieser große Bogen zeichnet sich schon bei der Berufung Abrahams ab mit der Verheißung: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“.

 

Abraham wird zum Zeugen von Gottes Größe. Sein Vermächtnis sagt uns: Gott ist der Gott der Zukunft. Er führt in die Weite, er stellt unsere Füße auf weiten Raum. Er schafft neue Lebensmöglichkeiten, wo wir nur Abbruch und Abschied sehen. Und es ist Abrahams Segen, der uns hier und heute zuspricht: Geh los! Verlass das Vertraute! Verlass dich auf Gott! Er wird’s wohl machen. Gott wird alles daransetzen, dass auch wir, die wir uns rufen lassen und aufbrechen zur Reise ins Unbekannte, bezeugen können:

Ja, Gott hat uns den Weg gezeigt.

Er war uns nah.

Wir haben seinen Segen erfahren.

Gott hat alles recht gefügt.

Ihm sei Dank, Lob und Ehre in Ewigkeit.

Amen.

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